INTERVIEW MIT MICHAEL LINDNER

wbh: Magst Du unseren Leser*innen kurz von Deiner Arbeit und deinem Leben erzählen.

Ich bin Brandenburger Wirtschaftsflüchtling, Blogger, Ehrenamtler, Pressesprecher, Sozial PR-Manager, Fußballmanager, Agenturchef, Journalist, Lernender und vor allem Netzwerker.
Und, ganz plakativ: „Ich wurde so geboren, ich werde so bleiben bis ich sterb, ich wurde so geboren, Antifaschist für immer, für immer.“ (Antifaschist Songtext von Irie Révoltés)

wbh: Wo bist du aktiv, wofür engagierst du dich und trittst du ein? Wie gestaltest du Politik mit?

Die wichtigste Basis für Mitgestaltung von Politik ist der Alltag. Hier setze ich meine humanistische Grundhaltung um. Achtung und Anerkennung von Menschen und Umwelt. Das kann jeder umsetzen, jeden Tag im Alltag. Ansonsten stelle ich meine Fähigkeiten oft in den Dienst sozialer, kultureller und gesellschaftlich relevanter Projekte wie dem Bundesverband Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland oder eben hier für die Plattform #wirbleibenhier. Ich gehe zu Demos für Frieden, Demokratie und Menschenrechte, um Flagge zu zeigen.

wbh: Wie fühlt es sich an, in Sachsen Politik aktiv mitzugestalten?

Es ist ein gutes und ein schlechtes Gefühl. Gut, weil ich aktiv für humanistische Ziele bin. Schlecht, weil sich mit der Wende hinsichtlich der Gerechtigkeit in der Gesellschaft nicht so viel getan hat. Die Demokratie und der Pluralismus in der Bundesrepublik sind leider nur ein Blendwerk für das Auseinandergehen der Schere zwischen Arm und Reich. Und an der Schnittstelle zwischen beiden auseinanderdriftenden Polen sitz eine große uninteressierte Masse, gefangen in der Angst des Abstiegs und in dem heimlichen Wunsch, in der Oberliga mitspielen zu dürfen. Und deshalb möchte ich gern meine Aktivitäten erweitern. Vielleicht muss ich dazu für meine Zukunft ein paar Entscheidungen treffen.

wbh: Warum ist es wichtig, dass sich jede*r mit Politik beschäftigt und diese aktiv mitgestaltet und wie?

Zwar sind die demokratischen Kräfte in der Mehrheit gegenüber den AfD-Wählern, aber sie sind zersplittert zwischen rechtskonservativ bis links. Und deshalb braucht es Aufklärung, Gerechtigkeit, Bildung, Angebote für Jobs und Freizeit. Blicken wir auf die Kinderarmut. In Ostdeutschland ist jedes vierte Kind davon betroffen. Oder: Ungleiche Löhne und Gehälter in Ost und West zeugen von einer Schieflage der Bewertung von gleicher Arbeit. Das lässt sich erst recht auf die Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern ausweiten. Die nicht aufgearbeitete Geschichte der Arbeit der Treuhand beim Ausverkauf der ostdeutschen Wirtschaft nach der Wende. Seit 30 Jahren ein Verbot des Nachdenkens über die Leistungen der Bürgerinnen und Bürger der untergegangenen DDR. Das Festhalten an Stasi und Mauer als wohl schlimmsten Auswüchsen des Scheinsozialismus. Ich glaube, das sind auch Ursachen für die Unzufriedenheit und damit den erstarkenden Neofaschismus besonders im Osten. Darum ist das aktive politische und/oder gesellschaftliche Engagement wichtig.

wbh: Wie kann man die Themen Politik, Beschäftigung mit Demokratie und unseren Grundwerten stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit bringen?

Da bin ich wieder beim Alltag. Sich nicht wegducken, wenn am Mittagstisch über „die Ausländer“ geredet wird, weil „die alles bekommen“. Dann muss man ins Gespräch kommen und fragen, woran es denn dem gegenüber fehle. Ich will es verstehen, warum diese Meinung bei Menschen, denen es im Verhältnis zu den Geflüchteten sehr viel besser geht, hochkocht. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Menschen ihre Umgebung nicht an Fakten, sondern an Gefühlen festmachen. So wie wir als Kinder das Wort „heiß“ erst mit dem Gefühl dafür wahrnehmen konnten.
Daher ist es eine der wichtigsten Aufgaben für JETZT und für die Zukunft, Kindern und Jugendlichen eine politische Bildung angedeihen zu lassen, die zu allererst den Humanismus oder nennen wir es auch Nächstenliebe in den Vordergrund stellt. Hier werden die Gefühle der Menschen angesprochen. Nicht nur eine Stunde Ethik bei den höheren Klassen, sondern die Entwicklung zum Humanismus von den Kleinsten bis zu ihrer persönlichen Selbstständigkeit. Wir diskutieren stattdessen über Einschränkungen im Musikunterricht, im Sportunterricht – beides Fächer, in denen man über gemeinsames Singen und Musizieren oder in Mannschaftssportarten, das Zusammenstehen als Team fördert. Jetzt will man Wirtschaft als Lernfach einführen. Warum? Kapitalismus verstehen? Das sind hier nur kurze Gedanken, die mich stets umtreiben, wenn es um die Wichtigkeit von politischer Aktivität geht: Bildung zuerst!

wbh: Was ist unser Erbe, was ist unsere Zukunft?

Erbe: Ein Besuch in Theresienstadt vor ein paar Tagen. Erkennen, was Nationalismus und Faschismus ist, was Menschen Menschen angetan haben. Nachdenken über die Nachkriegssituation in Europa. Zwei deutsche Staaten mit sehr unterschiedlichen Gesellschaftszielen und doch gleichen konservativen Machterhaltungsansprüchen.
Drüben fand bis heute nie eine richtige Entnazifizierung statt. Das Resultat ist der immer mehr erstarkende Rechtsterror. Zudem konnte sich im „Westen“ auf Basis von Marshal-Plan und Kriegsgewinnlern ein relativ leistungsstarkes Wirtschaftssystem etablieren, das mit allen – auch undemokratischen Mitteln (z. B. der „Radikalenerlass“ von 1972) – seinen Erhalt bis in die Gegenwart rettete.
Auf der hiesigen Seite suchte man mit allen Mitteln den Sieg über Hitlerdeutschland durch Disziplinierung und Einschüchterung sowie Verfolgung von Andersdenkenden zu verteidigen. Mauertote, Gefängnis, Enteignungen, Bespitzelung, Reiseunfreiheit … einbegriffen. Meiner Meinung nach versteckte man sich hinter einer sozialistischen Idee, die aber niemals diese Verfehlungen von Menschen an den Machthebeln sowie ihren kleinen Helfershelfern in Betriebskollektiven, Künstlertruppen, Medien … beinhaltet. Dadurch fand eine Diskreditierung dieser Idee für eine sozial gerechte Gesellschaft auf Jahre hin statt.
Doch dürfen wir nicht vergessen, dass beide beispielgebenden Entwicklungen in Deutschland sehr eng zusammenhängen. Menschen haben zu lange weggeschaut, Unrecht geschehen lassen. Wir waren zum Großteil alle ein Teil der Systeme, hüben wie drüben. Da schließe ich mich gar nicht aus. Als es aus dem Ruder lief, hatten sich Machtstrukturen so verfestigt, dass die Massen sich mit dem Zustand abgefunden hatten und jegliches Andersdenken als Aufstand gegen das Bestehende verstanden und selbst von der Masse bekämpft wurde und wird. Genau in dieser Schleife hängen wir jetzt schon wieder fest. Und deshalb … Zukunft: Wir haben jetzt die Chance, vieles von dem, wozu uns damals der Mut oder die Möglichkeiten fehlten, anders zu machen, aktiv mitzugestalten. In Vereinen, Verbänden oder Sammlungsbewegungen. Alle Parteien, auch wenn sie das gestaltende Machtinstrument der Bundesrepublik sein sollten, sind derzeit nicht in der Lage über ihre Machterhaltungsbestrebungen hinweg zum Wohl der Bürgerinnen und Bürger beizutragen.

wbh: Was wünschst du dir für ein besseres menschliches Miteinander?

Achtung, Umsichtigkeit, Empathie, Ehrlichkeit. Das sind aber menschliche Eigenschaften, die nicht vererbt werden, sondern in den Entwicklungsprozess für jeden Menschen einfließen müssen. Im Elternhaus, in der Kita, der Schule, der Berufsschule, an der Universität und an jedem Arbeitsplatz. Das bedarf aber vieler geschulter Fachkräfte, die es verstehen, einerseits Werte für das menschliche Miteinander zu vermitteln und andererseits jedem die Freiheit zu lassen, selbst Erfahrungen mit dem menschlichen Miteinander zu machen. Und genau an diesen Fachkräften mangelt es noch. Hier muss sehr viel aufgeholt werden.

wbh: Was bedeuten für dich Freiheit, Schutz der Menschenwürde und Gleichberechtigung?

Wir sind alle Menschen: https://www.zdf.de/dokumentation/terra-x/dirk-steffens-gibt-es-menschliche-rassen-100.html Es gibt keinen Grund für uns, Unterschiede untereinander festzumachen. Und daher sollten wir uns untereinander gegenseitig achten, unterstützen, fördern und fordern. Es geht in erster Linie um die Erhaltung des Lebens auf dieser Erde. Freiheit, Schutz der Menschenwürde und Gleichberechtigung haben eine Basis: Frieden. Da ist kein Platz für Neid, Arroganz oder Doppelmoral.

wbh: Wie wichtig sind Kunst und Kultur, Bildung, Medienkompetenz, Soziales, Jugendhäuser und psychologische Betreuung für unser Zusammenleben?

Alles gehört zusammen. Wir könnten vielleicht auf die psychologische Betreuung einschränken, wenn wir mehr Zeit und Muße für das Aufnehmen von Bildung und den Genuss von Kunst und Kultur hätten. Wenn Elternhaus, Schule, Medien … mehr achtgeben würden, was in den verfügbaren Medien verbreitet wird, dann wäre der Gesellschaft auch schon viel geholfen. Und wieder das Thema soziale Gerechtigkeit: Armut ist eine der Hauptursachen, warum Kinder und Jugendliche aus der gesellschaftlichen Bahn geworfen werden. Hier können Clubs, soziale Jugendzentren nur ein Auffangbecken sein. Sie sind nur ein Teil der Lösung des Problems und daher gegenwärtig so wichtig bei der psychologischen und psychosozialen sowie kulturellen und Bildungsbetreuung von Kindern und Jugendlichen. Sie können eine gewisse ausgleichenden Balance schaffen.

wbh: Im Hinblick auf die Landtagswahl im Sep 2019: Was kann jede*r Bürger*in aktiv tun, um dem Rechtsruck mit demokratischen Mitteln entgegenzuwirken?

Lest die Parteiprogramme durch. Nicht nur die plakativen Zusammenfassungen. Wenn Euch etwas nicht klar ist, dann schreibt an die Kandidaten oder geht zu den Bürgerversammlungen. Wenn Ihr keine Antwort erhaltet oder es von dem Abgeordneten vor Ort keine Fragen-Antwort-Stunden gibt oder das Zeitfenster für die Antworten auf Eure Fragen nicht ausreicht, dann solltet Ihr diese Kandidaten nicht wählen. Wenn Euch die Antworten nicht passen, dann bohrt nach, bis Ihr Lösungsansätze für ein besseres Sachsen/Brandenburg/Thüringen erkennen könnt.
Schult Euch selbst. Die klassischen Medien sind nur ein Hilfsmittel. Nutzt das Internet, um Euch zu informieren. Facebook & Co. können Anreize zum Nachdenken liefern, aber sie sind keine wirklichen Informationsmittel, dessen muss sich jeder bewusst sein. Bücher sind hervorragend, aber anstrengend, weil sie oft so dick sind. Aber es steht viel Kluges drin, was kein YouTube-Channel in seiner Kürze erfassen und zusammenfassen kann.

wbh: Was sind Deines Erachtens in Sachsen und Brandenburg die Gründe für den Aufstieg der AfD bei der Europa- und Kommunalwahl?

Mangelndes Selbstvertrauen und mangelnde Eigenverantwortung der Bürgerinnen und Bürger. Zu viele schauen nach oben und machen für gesellschaftliche Entwicklungen die da oben, die Politiker, die Chefs verantwortlich. Und natürlich sind die da oben auch nur Menschen. Mal mit, mal mit weniger Bildung. Sie machen Fehler, weil man sie diese hat machen lassen. Oder besser, die kritischen Stimmen wurden als Demokratiekritiker abgewiesen. Die Fehlentwicklungen der letzten Jahre hinsichtlich der Gestaltung sozial gerechter Lebensbedingungen für alle Bürgerinnen und Bürger haben Spuren hinterlassen.
Schauen wir uns an, wohin Unternehmen mit ihren Investitionen gehen. Dorthin, wo die Infrastruktur stimmt. Kleine ostdeutsche Gemeinden und Städte haben vielleicht sanierte Straßen und die Beleuchtung dazu. Vielleicht hat der ein oder andere einheimische Häuslebauer seinem Haus einen neuen Anstrich verpassen können. Aber, Arbeitsplätze gibt es keine. Kultureinrichtungen für Theater, Ballett, Musik: Fehlanzeige. Jugendclubs: Nein oder kaum. Vielleicht ein Faschingsclub oder Fußballverein, die sehr wertvolle Arbeit für den Zusammenhalt der Bürgerschaft leisten. Das reicht aber nicht aus, um den Menschen eine Zukunft zu geben. Daher halten die Leute eher am Bestehenden fest. Wollen sich nichts und nicht noch mehr wegnehmen lassen. Und die AFD schnappt diese Ängste auf, mischt es mit trumpschem Krakeelen gegen das bestehende Establishment, sprich gegen die herrschenden Parteilandschaft und stellt das Heimatgefühl über alle Menschlichkeit. Es ist eine offensichtliche Methode, um den „besorgten Bürger“ in seiner Meinungsbildung politisch zu beeinflussen. Und gerade auf der kommunalen Ebene kennt man sich. Da steht der freundliche Nachbar auf der Wählerliste der AfD. Der versteht die Menschen, den kann man doch mal wählen, seine Gedanken waren nie verkehrt. Das mag auch alles nachvollziehbar sein. Jedoch steht dieser AfD-Kandidat für eine Partei, die sich offenkundig gegen die erreichten demokratischen Errungenschaften wendet. Eine Partei, die offen gegen Ausländer und Menschen anderen Glaubens oder anderer sexueller Ausrichtung hetzt. Eine Partei, die den Nationalsozialismus als „Vogelschiss in der Geschichte“ bezeichnet.
Alle anderen Parteien haben nichts für die Bürgerinnen und Bürger Ansprechendes als Alternativen entgegenzusetzen. Weder werden die AfD-Wähler durch die Themen Frieden und soziale Gerechtigkeit angesprochen, noch durch Umweltfragen, noch durch „wirtschaftsliberale Themen“. Es sind nicht ihre Probleme. Sie wollen Arbeit, den ÖPNV, den kleinen Konsum und die Kneipe mit Gesellschaftssaal, die Gemeindeschwester oder einen Arzt, den ABV oder „Dorfpolizisten“ … Jetzt kann die Politik überlegen, wo sie in den letzten 30 Jahren den Rotstift angesetzt hat bzw. Fehlentwicklungen zugunsten von Ballungsräumen und vorgeschobenen Investorenzwängen zugelassen hat. Aber letztlich, da bin ich am Anfang der Antwort zur Fragestellung, haben die Bürgerinnen und Bürger ihre eigenen Handlungsmöglichkeiten in der Nachwendelethargie am Ortseingang in den Müll geworfen.

wbh: Angenommen, die AfD zieht in Sachsen zur Landtagswahl mit den gleichen Ergebnissen wie nach der Europa- und Kommunalwahl in den Sächsischen Landtag ein, welche Auswirkungen kann das für die Gesellschaft – Politik, Kunst und Kultur, Bildung und Soziales haben?

Es darf gar nicht zu einem Erfolg der AfD in Sachsen oder Brandenburg oder Thüringen kommen. Wenn man sich die Aussagen hinter den Schlagworten, die in einigen Punkten gar nicht so anders sind wie die von anderen Parteien, schaut, dann wird ein ganz großer Abbau von Werten in Kunst und Kultur, Bildung und Soziales stattfinden. Genau in den Bereichen der Gesellschaft, die unser Land so auszeichnen und bunt machen.

wbh: Wie kann man Demokratie-Initiativen und Protagonist*innen vor Ort aktiv unterstützen und ihr Engagement stärken?

Geht dorthin, wenn Veranstaltungen stattfinden oder sich wieder eine Gegenwehr etablieren will. Kommt mit den Aktivisten ins Gespräch oder bietet Eure Hilfe an. Manchmal reicht es, wenn man seine eigenen Netzwerke nutzt, um Informationen von den Initiativen zu verbreiten. Wir haben alle genug Zeit, um eine Alternative zur „Denkzettel-Wahl“ zu organisieren. Das geht aber nur, wenn wir alle zusammenstehen und unsere Stimme gemeinsam mit Demokratie-Initiativen und Protagonist*innen vor Ort erheben.

wbh: Wie kann man Nichtwähler*innen oder Menschen, die sich benachteiligt und abgehängt fühlen, bspw. Menschen, die nach dem Mauerfall viel verloren haben, Angst um ihre Existenz und vor Überfremdung haben, erreichen und in die Gesellschaft zurückholen?

Es geht nicht mit Versprechungen, die alle vor Wahlen vollmundig in die Mikrofone säuseln. Die Bürgerinnen und Bürger sind zumal in den Punkten intelligent genug, um aus ihren Erfahrungen zu wissen, dass Wahlversprechen noch nie für den Bürgerinnen und Bürger gefühlt umgesetzt wurden. Und die Fehler aus den letzten 30 Jahren wird man bis September nicht korrigieren können.
Ich glaube, dass es erstens wichtig ist, keine menschenverachtende Rhetorik in der Öffentlichkeit, vor allem in den Landtagen und im Bundestag zuzulassen. Das wäre die erste Abgrenzung von der AfD. Eine große öffentliche Entschuldigung für die Fehler seit der Wende wäre endlich angebracht. Dazu eine strikte Aufarbeitung durch eine Kommission, die sich aus Ost-West-Historikern ohne Parteibindung zusammen mit Bürgerinnen und Bürgern zu den entsprechenden konkreten Themen zusammensetzen. Mit einem gewissen ernsthaften politischen Willen kann das schnell organisiert werden und hat etwas mit Bürgerbeteiligung zu tun.
Die konkrete Einbindung der Bürgerschaft in sie betreffende Projekte ist wohl einer der wichtigsten Punkte. Nicht nur Politiker haben gute Ideen, sondern jede/r hat etwas zu sagen und zur gesellschaftlichen Entwicklung beizutragen. Die Arroganz der Politik und ihres Machtapparates muss eingedämmt werden. Das heißt aber auch, dass Entscheidungen mal etwas langsamer dauern oder auch unkomplizierter gelöst werden können.
Wir müssen die Bürgerinnen und Bürger zu dieser Beteiligung motivieren. Die Wut in Engagement für sich und andere umwandeln. Vielleicht funktioniert es.

wbh: Warum haben Deines Erachtens Menschen Angst vor „dem bösen schwarzen Mann“, vor Migrant*innen und Muslimen?

Das hat etwas mit dem schon erwähnten Festhalten an dem Bestehenden zu tun. Die konservative Haltung der Bürgerinnen und Bürger gegenüber allen Veränderungen hat etwas mit den Erfahrungen aus den letzten 30 Jahren zu tun. Den Menschen wurde Vieles genommen. Das, was ihnen gegeben wurde, haben sie aufgrund der Normalität und des Alltags vollkommen vergessen. Man glaubt, dass man hier alles selbst erarbeitet habe. Das stimmt sogar zu einem gewissen Teil. Dass wir aber viele Dinge unseres Alltags, wie billiges Essen, billige Kleidung, billige Unterhaltungselektronik, billiges Bier durch eine Ungleichbehandlung im eigenen Land, in den osteuropäischen oder asiatischen oder afrikanischen oder lateinamerikanischen Billiglohnländern erreicht haben, scheint nur eine Propaganda „links-grüner Sozialromantiker“ zu sein. Privatfernsehen und -rundfunk sowie konservative Zeitungen tragen durch ihre Zerstreuungsprogramme noch dazu bei, dass man von den wahren Ursachen von Flucht und Vertreibung abgelenkt wird. Viele schauen voller Neid auf die „Geißens“, weil sie auch so ein Leben in Saus und Braus führen möchten. Oder sie ergötzen sich am Leid der noch „niedrigeren Schichten“ bei „Vera unterwegs – Zwischen Mut und Armut“. Oder sie „fiebern“ mit den jungen Mädels bei „GNTM“ mit. Da ist kein Platz mehr für die Probleme von Müllhalden in Agbogbloshie, so „heißt jener Teil der ghanaischen Hauptstadt Accra, in dem eine der größten Elektro-Müllhalden der Welt liegt. Er gehört zu den verseuchtesten Arealen der Welt. Rund 6.000 Frauen, Männer und Kinder leben und arbeiten hier.“ (https://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/ttt-23072018-welcome-to-sodom-100.html).
Hinzu kommen die Umweltschäden, die wir durch unseren unmäßigen Verschwendungswahn verursachen. Erderwärmung, Abschmelzen des Polareises, Ansteigen des Meeresspiegels, Vernichtung von Lebensgrundlagen ganzer Inselbevölkerungen. Alles potenzielle Flüchtlinge, die sich dann auf dem Weg dorthin machen, wo vermeintlich die besten Lebensbedingungen herrschen.

wbh: Meinst Du, viele Menschen fühlen sich von Politiker*innen nicht entsprechend ihrer Meinung vertreten und abgeholt? Herrscht eine große Kluft zwischen Politiker*innen und Bürger*innen?

Ja, siehe oben und unten, wo ich mich dazu geäußert habe.

wbh: In den sozialen Medien war zu lesen, dass man weniger auf die „Bedürfnisse“ der besorgten und WutBürgerinnen und Bürger*innen eingehen soll, sondern eher auf die unserer Jugend. Wie siehst du das?

Es sollte auf alle Probleme aller gesellschaftlicher Interessensgruppen eingegangen werden. Ich habe es oben schon geschrieben, dass die Beteiligung aller Bürgerinnen und Bürger an den sie betreffenden Entscheidungen wichtig ist. Das geht bei Entscheidungen über Rüstungsprojekte und Beteiligungen an Kriegseinsätzen los und zieht sich weiter über die Themen Kitagebühren, Bildung, Jugendarbeit, Kultur- und Kunstfreiheit, Weg mit Hartz IV, sozial gerechte und gerechtfertigte Bezahlung von Arbeit, bezahlbare Mieten, kostenlose Gesundheitsversorgung und Pflege für gesundheitlich eingeschränkte und ältere Menschen … Die Politik muss aufhören, sich in parteipolitischen Ränkespielen zu verlieren und endlich mit den Bürgerinnen und Bürgern langfristige Lösungen erarbeiten.

wbh: Was bedeutet für dich: Wir bleiben hier!

In erster Linie verbinde ich damit keine örtliche Beschränkung. „Wir bleiben hier“ heißt für mich: Ich bleibe bei meiner humanistischen Grundeinstellung. Die will ich verteidigen und immer wieder durch Gespräche mit Menschen weiterentwickeln. Der Ort dafür ist egal. Dort, wo Menschen glauben, ausgrenzen zu können, möchte ich ihnen entgegentreten; in Diskussionen, auf Demos, im Ehrenamt, auf meinem Blog.

wbh: Was verbindest du mit: Wir sind mehr!

Den großen Wunsch, dass wir die wabernde und schweigende Masse bewegen können, sich ihrer Kräfte bewusst zu werden, um für sich, ihre Kinder und Enkel aktiv in Sachen Frieden, soziale Gerechtigkeit und Umwelt aktiver zu werden und die Demokratie so auszureizen, dass man den Herrschenden in Politik und Wirtschaft immer wieder den Spiegel vor das Gesicht hält und ihnen verdeutlicht, dass wir es sind, die diese Demokratie tragen und stärken. Politiker und Wirtschaftschefs sind als Dienstleister von uns berufen worden, die Rahmenbedingungen zu schaffen, dass die fragile Demokratie in Deutschland und Europa stabiler wird und für jeder seiner Bürgerinnen und Bürger eine Zukunft bietet.

wbh: Wie wichtig sind Zivilgesellschaft und Zivilcourage?

Zivilcourage bedeutet in erster Linie für mich, dass ich mich an die Konventionen halte, die wir für uns Menschen untereinander vereinbart haben. Die Charta der Menschenrechte, das Grundgesetz, die Straßenverkehrsordnung … oder für manch einen sind es religiöse Schriften, Manifeste, die Vereins- oder Hausordnung. Auch wenn es schwerfällt, sich immer daran zu halten, so scheint es mir doch sehr wichtig. Ansonsten versinken wir im Chaos. Und deshalb zählt zur Zivilcourage auch dazu, meinen Nächsten zu motivieren, sich auch im Rahmen dieser Konventionen zu bewegen. Und dann bilden wir alle, die verstanden haben, wie wichtig das Zusammenleben von Menschen als soziale Wesen, als Teil der Umwelt auf dieser Erde ist, die Zivilgesellschaft.

wbh: Wie können wir unsere Demokratie schützen und stärken?

Gehen wir wählen. Arbeiten wir in sozialen Projekten ehrenamtlich mit. Streiten wir für den Frieden und eine gesunde Umwelt. Schauen wir nicht weg, wenn es um Ungerechtigkeiten, Unmenschlichkeit geht, Unterstützen wir Hilfsorganisationen, die Menschen auf der Welt vor dem Ertrinken, dem Verhungern und Verdursten retten oder Kindern eine Chance geben, zur Schule zu gehen. Sagen wir dem Nachbarn im Haus einfach mal freundlich „Guten Morgen“ und wünschen ihm einen schönen Tag.

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