INTERVIEW MIT CHRISTOPHER ZENKER

wbh: Magst du unseren Leser*innen kurz von deiner Arbeit und deinem Leben erzählen.

Ich bin 1979 geboren und in einer sehr politisch denkenden Familie aufgewachsen. Geprägt haben mich diesbezüglich vor allem meine Mutter und mein Großvater. Ich war in meiner Kindheit nicht bei den Pionieren und kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass ich schon als kleiner Junge wusste, dass ich nicht alles, was zu Hause besprochen wurde, weiterzählen sollte. Auch wenn aus dem Bekannten- und Verwandtenkreis einige überlegt haben, die DDR zu verlassen, so war das für meine Familie auch 1989/90 keine Option. Für meine Familie stand fest, wir bleiben hier.

wbh: Wo bist du aktiv, wofür engagierst du dich und trittst du ein?

Die politische Prägung hat bei mir dazu geführt, dass ich 1996 in die SPD eingetreten bin. Die Verbindung des sozialen Gedankens mit dem Umweltschutz ist mir wichtig. Ich habe das Glück, die SPD seit 2004 im Leipziger Stadtrat zu vertreten. Im Stadtrat bin ich in den Ausschüssen Jugend, Schule, Gesundheit und Soziales sowie Sport tätig. Mich betreffen daher die Themen Bildung, sozialer Zusammenhalt und Sport in besonderem Maße. In der Kombination passt das sehr gut zudem, was ich im ehrenamtlichen Bereich sonst noch so mache. So habe ich 2015 das soziale Projekt Sachspendenzentrale mit aufgebaut und in gute Hände übergeben. Ich engagiere mich im Patenschaftsprogramm der Johanniter (früher beim Flüchtlingsrat) und bin im Städtepartnerschaftsverein Leipzig-Herzliya aktiv. Auch wenn ich meinem Hobby BSG Chemie Leipzig nachgehe, ist das nicht unpolitisch, denn der Einsatz für eine offene soziale Gesellschaft macht an den Stadiontoren nicht halt. Mir ist es wichtig, dass meine Kinder in einer Gesellschaft aufwachsen, die Diskriminierung mehrheitlich und deutlich entgegentritt. Ich möchte ein weltoffenes, vielfältiges, soziales Leipzig und Sachsen.

wbh: Wie fühlt es sich an, in Sachsen Politik aktiv mitzugestalten?

Mir macht es Spaß, allen Widrigkeiten zu trotz, es fühlt sich also gut an. Natürlich ist es nicht immer leicht und mitunter vielleicht auch mal frustrierend, weil die Mühlen oft langsam mahlen, aber ganz grundsätzlich ist es eine tolle Sache, sich mit den eigenen Ideen für die Gesellschaft einzusetzen. Schließlich gelingt es häufig, Verbesserungen für die Menschen vor Ort zu erreichen. Was mich nachdenklich stimmt, ist, dass in der Politik und in der Öffentlichkeit oft nur noch schwarz-weiß gemalt bzw. diskutiert wird und Zwischentöne kein Gehör finden.

wbh: Warum ist es wichtig, dass sich jede*r mit Politik beschäftigt und diese aktiv mitgestaltet und wie?

Eine Demokratie lebt nicht nur von denen, die in Parlamenten sitzen, sondern eben auch von den vielen anderen, die mitdenken und mitmachen. Es reicht aus meiner Sicht eben nicht, nur zu meckern, wenn einem etwas nicht gefällt. Das kann man natürlich machen, aber viel gewinnbringender für uns alle ist es, wenn nicht nur gemeckert, sondern auch gemacht wird. Politik kommt vielen Menschen sicher häufig abstrakt und manchmal vielleicht ein wenig fern der Basis vor, aber insbesondere im kommunalen Bereich geht es um handfeste Lösungen. Da kann eigentlich jede oder jeder mitwirken, ob als Einzelperson oder über Initiativen, Vereine, Verbände oder Parteien.

wbh: Wie kann man die Themen Politik, Beschäftigung mit Demokratie und unseren Grundwerten stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit bringen?

Es wird hierbei immer wieder von einer Bringschuld der Parteien und politischen Vereinigungen gesprochen, die auf die Menschen zugehen, ihre Politik erklären und zum Mitmachen animieren sollen. Das ist sicher richtig, aber nur die eine Seite. Auch die Bürgerinnen und Bürger sind gefragt, sich aktiv einzumischen. Davon lebt eine Demokratie. Im Grunde geht es darum, wieder intensiver miteinander ins Gespräch zu kommen, zu streiten und nach den besten Lösungen zu suchen. Ich habe den Eindruck, dass uns diese Fähigkeit leider allzu oft verloren gegangen ist. Es reicht eben nicht, sich im Netz „auszukotzen“, wir müssen wieder dazu kommen, gemeinsam und vor allem respektvoll miteinander zu diskutieren. Und da heißt es, auch mal über den eigenen Tellerrand zu schauen und sich nicht nur mit Menschen zu befassen, die im gleichen Meinungsspektrum verortet sind. Wir müssen auch wieder dazu kommen, Kompromisse als Gewinn für die Gesellschaft zu sehen. Ich halte es da mit Helmut Schmidt, der mal gesagt hat: „Gesetzgebung und Entscheidung durch eine Parlamentsmehrheit setzt bei den vielen Einzelnen die Fähigkeit und den Willen zum Kompromiss voraus! Ohne Kompromiss kann kein Konsensus einer Mehrheit zustande kommen. Das muss man den Deutschen ins Stammbuch schreiben; die immer gleich vom faulen Kompromiss reden. Wer den Kompromiss prinzipiell nicht kann, prinzipiell nicht will, der ist zu demokratischer Gesetzgebung nicht zu gebrauchen.“

wbh: Was ist unser Erbe, was ist unsere Zukunft?

Unser Erbe ist vielfältig und hat mit dem dritten Reich und den damit verbunden Millionen von Toden sowie dem Versuch jüdisches Leben zu vernichten, einen sehr dunklen Fleck, den wir nie vergessen dürfen. Meine Generation trägt nicht die Verantwortung dafür, was passiert ist, aber wir tragen Verantwortung dafür, dass so etwas nie wieder passiert. Unser Erbe hat aber auch schöne Seiten: Zum Beispiel im Bereich Kultur, aber auch mit der Friedlichen Revolution. Auch die guten Seiten unseres Erbes können uns Kraft für unsere Zukunft geben. Viele Menschen kennen es noch, wie es war, in einem Land zu leben, in dem Meinungsfreiheit massiv eingeschränkt wurde und Demokratie nur auf dem Papier existierte. Das wurde mit der Friedlichen Revolution überwunden. Dieses Erbe können und müssen wir nutzen, unsere Zukunft zu gestalten. Dazu gehört es, die vor 30 Jahren erkämpfte Demokratie und die Freiheit zu verteidigen, jeden Tag aufs Neue. Wir müssen aufpassen, dass wir das Gewonnene nicht als selbstverständlich hinnehmen, denn dann laufen wir Gefahr, es zu verspielen.

wbh: Was wünschst du dir für ein besseres menschliches Miteinander?

Ich wünsche mir mehr gegenseitigen Respekt, einander zuzuhören, miteinander zu reden und ich wünsche mir, dass man bereit ist, von Maximalpositionen auch mal herunterzukommen. Ich wünsche mir, dass die Verrohung der Sprache ein Ende nimmt, denn der Verrohung der Sprache folgen leider immer öfter auch Taten. Diese Verrohung der Sprache ist aus meiner Sicht auch Ausdruck mangelnden Respekts, fehlender Empathie und gegenseitiger Wertschätzung. Ordentlicher Umgang miteinander heißt ja nicht, dass man gleicher Meinung sein muss. Ich wünsche mir, dass wir Grundpfeiler des Anstandes finden bzw. wiederfinden.

wbh: Was bedeuten für dich Freiheit, Schutz der Menschenwürde und Gleichberechtigung?

Für mich sind dies drei Grundbegriffe unserer freiheitlichen Demokratie, ohne die gesellschaftliches Zusammenleben langfristig nicht funktionieren kann. Dennoch unterliegen diese auch einem Wandel und sollten durch unser Handeln stetig verbessert werden. Aktuell habe ich jedoch manchmal den Eindruck, dass wir uns diesbezüglich in einem Verteidigungskampf befinden, bei dem wir dafür sorgen müssen, dass Freiheit, Menschwürde und Gleichberechtigung nicht unter die Räder kommen.

wbh: Wie wichtig sind Kunst und Kultur, Bildung, Medienkompetenz, Soziales, Jugendhäuser und psychologische Betreuung für unser Zusammenleben?

Kunst, Kultur und Bildung sind die Grundlage für den demokratischen Zusammenhalt. In wirtschaftlichen Zusammenhängen wird über Kunst und Kultur oft gesagt, es sei ein „nice to have“. Ich sage aber, Kunst und Kultur gehören zum „must have“. Letztendlich hängen die oben genannten Begriffe und Einrichtungen alle miteinander zusammen, denn ohne Bildung keine Kunst und Kultur, das gilt auch umgekehrt. Jugendhäuser und soziale Einrichtungen wiederum sind ohne Bildung nicht denkbar, Bildung ist elementarer Bestandteil dieser Einrichtungen. Für unser Zusammenleben sind noch viele weitere Faktoren wichtig, aber die genannten gehören eindeutig dazu. Bildung liegt allen genannten Begriffen und Einrichtungen inne, hier muss daher auch das Prae liegen, denn sie ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe und Integration.

wbh: Im Hinblick auf die Landtagswahl im Sep 2019: Was kann jede*r Bürger*in aktiv tun, um den Rechtsruck mit demokratischen Mitteln entgegenzuwirken? 

Das Problem ist doch hier eher, dass ein möglicher Rechtsruck durch ein Wahlergebnis nur dokumentiert wird. Viel wichtiger sind hierbei doch die innergesellschaftlichen Entwicklungen, die sich in dem einen oder anderen Wahlergebnis widerspiegeln. Da muss der Hebel angesetzt werden. Es geht darum, zu ergründen, weshalb Menschen bereit sind, rückwärtsgewandten geschichtsrevisionistischen Parteien ihre Stimme zu geben und was sie sich davon versprechen. Die bisherigen Erklärungsmuster, warum Parteien am rechten Rand gewählt werden, sind, wenn man sich manche Wahlergebnisse anschaut, offenbar nicht passend. Doch was kann jede bzw. jeder Einzelne tun: Man kann in der Familie, mit Freundinnen und Freunden, Bekannten und Kolleginnen und Kollegen über Politik und Inhalt reden. Raus aus der Blase der sozialen Medien und den Austausch suchen. Man muss seine eigene Blase verlassen, das Gespräch suchen und offen Gesicht zeigen für eine demokratische Gesellschaft.

wbh: Was sind deines Erachtens in Sachsen und Brandenburg die Gründe für den Aufstieg der AfD bei der Europa- und Kommunalwahl?

Es gibt ein Grundmisstrauen in unsere Demokratie. Nicht wenige setzen Demokratie und Wahlen gleich mit einem Pizzaservice: „Ich bestelle, ihr liefert“. So funktioniert es aber nicht. Demokratie ist mühsam, Demokratie ist langsam, Demokratie lebt vom Mitmachen und Demokratie lebt vom Kompromiss, vom Ausgleich von Interessen. Das heißt, ich kann eben nicht immer das geliefert bekommen, was ich mir persönliche wünsche. Vor allem Rechtspopulisten versprechen einfache Lösungen für komplexe Themen, sie versprechen Dinge, die sie nicht einhalten werden und vor allem spielen sie mit der Angst vor Veränderungen und schüren Hass und Angst auf Minderheiten.

wbh: Angenommen, die AfD zieht in Sachsen zur Landtagswahl mit den gleichen Ergebnissen wie nach der Europa- und Kommunalwahl in den Sächsischen Landtag ein, welche Auswirkungen kann das für die Gesellschaft, Politik, Kunst und Kultur, Bildung und Soziales haben?

Wir müssen nur in andere Länder schauen, um zu sehen was passiert, wenn Rechtspopulisten und Demokratiefeinde regieren. Um nur einige Beispiele zu nennen: Der Rechtsstaat wird abgebaut, Einrichtungen, die einem politisch nicht gefallen, werden geschlossen und oder die Mittel gestrichen, Kultur wird zensiert und Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerrechte werden beschnitten. Das gesellschaftliche Klima wird sich weiter verschärfen und Übergriffe auf zivilgesellschaftliche Akteure, Menschen mit Migrationshintergrund, Muslime oder Jüdinnen und Juden werden zunehmen und der Rechtsextremismus wird weiter erstarken.

wbh: Wie kann man Demokratie-Initiativen und Protagonist*innen vor Ort aktiv unterstützen und ihr Engagement stärken?

Es gibt ja bereits breit angelegte Förderungen für Demokratieprojekte. Insbesondere in Leipzig haben wir anlässlich des 30. Jubiläums der Friedlichen Revolution ein Jahr der Demokratie ins Leben gerufen, wo neben zahlreichen Projekten zur Demokratie auch Fördermittel für entsprechende Projekte zur Verfügung stehen. Diese Förderungen müssen verstetigt werden. Engagement für Demokratie ist auch nicht immer abhängig von finanziellen Leistungen, sondern vielmehr auch von Wertschätzung, die den Engagierten entgegengebracht werden sollte.

wbh: Wie kann man Nichtwähler*innen erreichen, damit sie wählen gehen?

Nichtwähler zu erreichen ist in der Tat recht schwierig, weil auch sie aus mehreren Gruppen bestehen. Einerseits jenen, die sich von der Politik entfremdet haben, andererseits jenen, denen es schlicht egal ist. Das beste Mittel ist aus meiner Sicht jedoch immer noch das persönliche Gespräch und hier kann jede und jeder Einzelne auch seinen Beitrag leisten.

wbh: Wie kann man Menschen, die sich benachteiligt und abgehängt fühlen, bspw. Menschen, die nach dem Mauerfall viel verloren haben, Angst um ihre Existenz und vor Überfremdung haben, erreichen und in die Gesellschaft zurückholen?

Das ist eine komplexe Frage, die sich nicht einfach beantworten lässt. Vorab jedoch: Trotz aller Herausforderungen und Umbrüche bin ich der Überzeugung, dass die friedliche Revolution ein Glücksfall ist und bleibt. Dennoch gibt es Menschen, die mehr erwartet haben und sich zurückgesetzt fühlen. Unsere Integrationsministerin hat mit ihrem aktuellen Buch dieses Thema in die Diskussion gebracht. Auch hier gilt für die Politik: Zuhören, lernen und Lösungen finden. Das ist sicher nicht einfach, aber das müssen wir tun, wenn wir diese Menschen nicht komplett verlieren wollen. Jeder, der die Zeit Anfang der 1990er-Jahre erlebt hat, weiß, bei wie vielen Menschen ein vorher geregeltes Leben plötzlich durch Arbeitslosigkeit, etliche Umschulungen und schließlich weitgehend Perspektivlosigkeit, aus den Fugen geraten ist. Es ist nachvollziehbar, dass Menschen, die sich als sog. „Wendeverlierer“ sehen, kein richtiges Zutrauen in unsere Demokratie haben, denn ihre Hoffnungen, die sie mit der Friedlichen Revolution und der Wiedervereinigung verbunden hatten, haben sich nicht erfüllt. Dieses Vertrauen müssen wir zurückbringen, das wird nicht von heute auf morgen passieren, aber wir müssen zeigen, dass wir Lösungen finden und Schritt für Schritt umsetzen. Dennoch müssen wir zwei Dinge trennen: Persönliche Sorgen und Existenznöte sind kein Grund, andere Bevölkerungsgruppen zum Sündenbock zu machen und rassistische Einstellungen zu übernehmen.

wbh: Warum haben deines Erachtens Menschen Angst vor „dem bösen schwarzen Mann“, vor Migrant*innen und Muslimen?

Die Ursachen und Erklärungen dafür sind vielfältig. Für uns sollte wichtig sein, wie kann diese Angst genommen werden.

wbh: Meinst du, viele Menschen fühlen sich von Politiker*innen nicht entsprechend ihrer Meinung vertreten und abgeholt? Herrscht eine große Kluft zwischen Politiker*innen und Bürger*innen?

Leider wird das so wahrgenommen und viele Menschen fühlen sich nicht mitgenommen. An sich muss das aber nicht sein, denn die meisten Politikerinnen und Politiker freuen sich über konstruktives Feedback. Fast alle Politiker ab der Landesebene unterhalten Abgeordnetenbüros, die für den Austausch stehen. Viele bieten an, auch zu dem Menschen selbst hinzukommen. Um es kurz zu sagen, es gibt viele Begegnungs- und Gesprächsmöglichkeiten, man muss sie nur nutzen. Ich selber bin auf der kommunalpolitischen Ebene aktiv, hier kann ich sagen, dass es diese Kluft nicht geben muss. Als Kommunalpolitiker erlebe ich vor Ort dasselbe wie die Bürgerinnen und Bürger und kann Entscheidungen direkt für die Menschen vor Ort treffen. Manchmal dauert es länger, aber oft werden Lösungen oder Kompromisse gefunden. Dennoch gilt auch hier, man muss mit anderen Meinungen, teilweise Zwängen, umgehen. Nicht alles, was wünschenswert ist, ist umsetzbar und nicht alles was gewünscht wird, findet meine Unterstützung. Um noch einmal das Gleichnis des Pizzadienstes zu bedienen: Politik funktioniert nicht nach dem Prinzip eines Lieferservices, ich bestelle ihr liefert, dazu sind Entscheidungsprozesse manchmal zu komplex und die Meinungen gehen teilweise weit auseinander.

wbh: In den sozialen Medien war zu lesen, dass man weniger auf die „Bedürfnisse“ der besorgten und Wutbürger*innen eingehen soll, sondern eher auf die unserer Jugend. Wie siehst du das?

Es gibt weder „die“ Jugend noch „den“ Wutbürger. Manchmal muss auch ich meine großstädtische Brille ablegen, denn die Antworten, die wir finden müssen, sind auf dem flachen Land andere als in den Großstädten, um nur zwei Stichworte zu nennen: Wohnungsmarkt und Verkehrsanbindung.

Wir stehen vor großen Veränderungen, wie z. B. im Bereich Digitalisierung, der Arbeitswelt oder dem Klimawandel, dass macht manchen Menschen Angst. Politik muss Antworten finden, die Jung und Alt oder auch Großstadt und ländliches Gebiet mitnimmt. Dies wird ohne Kompromisse nicht gehen.

Wo ich nicht bereit bin, auf „Bedürfnisse“ einzugehen, ist, wenn gesellschaftliche Herausforderungen dafür genutzt werden, um Hass auf Menschen zu schüren, die nicht in mein Weltbild passen, sei es aufgrund ihrer Herkunft, ihres Glaubens oder ihrer sexuellen Orientierung.

wbh: Wie wichtig sind Zivilgesellschaft und Zivilcourage?

Unverzichtbar für unsere Demokratie. Ohne Zivilgesellschaft und Zivilcourage wird es keine starke freiheitliche Demokratie geben.

wbh: Wie können wir unsere Demokratie schützen und stärken?

Bringt euch ein, hinterfragt, redet miteinander, verteidigt die Demokratie im privaten und beruflichen Umfeld, auf Demonstrationen und am Stammtisch.

wbh: Was verbindest du mit: Wir sind mehr!

Ich verbinde damit, dass der demokratische Konsens in unsere Gesellschaft weiterhin die Mehrheit der Menschen in Deutschland erreicht. Ich verbinde damit, dass man die Mehrheit vielleicht nicht immer hört, weil sie nicht am lautesten schreit, aber die Mehrheit, das sind wir, wenn es darauf ankommt. Dass wir mehr bleiben, bedeutet aber auch, dass wir täglich aufs Neue unsere Demokratie gegen die Angriffe ihrer Feinde verteidigen.

wbh: Was bedeutet für dich: Wir bleiben hier!

Am 7.10.1989, dem 40. Jahrestag, sind in Leipzig 10.000 Menschen auf die Straße gegangen, um gegen die SED-Diktatur zu demonstrieren. Neben „Wir wollen raus“ als Slogan für Reisefreiheit, tauchten immer öfter auch Rufe „Wir bleiben hier“ auf. Das zeigt, die Menschen wollten die DDR verändern, sie wollten nicht einfach nur die DDR verlassen, sie wollten Freiheit und demokratische Rechte. Heute, 30 Jahre später, bekommt er für mich eine weitere Bedeutung: Er bedeutet für mich, dass ich das, was viele mutige Leipzigerinnen und Leipziger bzw. Ostdeutsche 1989 erkämpft haben, gegen die Feinde der Demokratie von heute verteidigen muss. Es bedeutet für mich, dass ich täglich für unsere demokratischen Grundwerte, Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität eintreten werde und Sachsen nicht verlasse.

INTERVIEW MIT ENRICO LÜBBE

wbh: Möchten Sie unseren Leser*innen kurz von Ihrer Arbeit und Ihrem Leben erzählen.

Ich kenne die Stadt Leipzig bereits seit 1993, als ich – nach Kindheit, Jugend und Abitur in Schwerin – hierher zum Studieren kam. Ich bin seit 2013 Intendant am Schauspiel Leipzig, zuvor war ich fünf Jahre Schauspieldirektor in Chemnitz. Nach nunmehr 26 Jahren in Sachsen, also weit mehr als der Hälfte meines Lebens, würde ich dieses Bundesland schon als mein Zuhause bezeichnen.

wbh: Wo sind Sie aktiv, wofür engagieren Sie sich und treten sie ein?

Als Leiter einer städtischen Kulturinstitution habe ich täglich mit vielen Menschen zu tun – auch sehr unterschiedlichen Menschen mit oft divergierenden Ansichten und Meinungen. Ich empfinde diese Vielfältigkeit als bereichernd und wichtig, auch wenn einige harte Kontroversen auszuhalten, herausfordernd sein kann. Aber das gehört für mich zu gelebter Demokratie dazu und dafür trete ich ein.

wbh: Wie fühlt es sich an, in Sachsen Politik aktiv mitzugestalten?

Ich würde mir nicht anmaßen zu behaupten, dass ich Politik aktiv mitgestalte. Aber ich bin mir bewusst, dass das Schauspiel Leipzig einen gesellschaftlichen Auftrag hat und wir daran auch gemessen werden. Und ich sehe durchaus, dass unsere Arbeit in der Stadtgesellschaft wahrgenommen wird und nach außen wirkt. Ich denke, dass beispielsweise 2015 unsere eindeutige Positionierung zum Thema Flüchtlinge, Migration und Menschenrechte wichtig war. Seither hängt das Goethe-Zitat „Das Land, das die Fremden nicht beschützt, geht bald unter“ an unserer Fassade. In der gegenwärtigen Situation haben wir bewusst das Spielzeitmotto „Miteinander/Ensemble“ gewählt.

wbh: Wie kann man die Themen Politik, Beschäftigung mit Demokratie und unseren Grundwerten stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit bringen?

Ich glaube, sie sind die letzten Monate und Jahre schon deutlich mehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Die Frage ist, wie man Themen wie Demokratie, Grundwerte deutlicher mit einem positiven Image besetzt.

wbh: Was ist unser Erbe, was ist unsere Zukunft?

Hui, die Frage ist kompliziert! Ich breche es mal runter und antworte mit Karl Valentin: „Früher war die Zukunft auch besser!“

wbh: Was wünschen Sie sich für ein besseres menschliches Miteinander?

Ich wünsche mir eine deutlich bessere Kommunikation – auf allen Ebenen und Kanälen. Direkter, ehrlicher. Mit weniger Hass. Mehr Respekt und Toleranz. Weniger Neid, Missgunst und Gebrüll.

wbh: Was bedeuten für Sie Freiheit, Schutz der Menschenwürde und Gleichberechtigung?

Sie gehören zu den Grundwerten meiner Weltanschauung.

wbh: Wie wichtig sind Kunst und Kultur, Bildung, Medienkompetenz, Soziales, Jugendhäuser und psychologische Betreuung für unser Zusammenleben?

Sie können Grundlegendes dazu beitragen. Der Bereich Bildung kann mir für unser zukünftiges Zusammenleben nicht hoch genug wertgeschätzt werden: Vieles, was wir unseren Kindern an Werten, an Wissen, an Kompetenzen mitgeben, wird unsere zukünftige Gesellschaft prägen. Auch die Arbeit im Bereich Soziales, in den Jugendhäusern finde ich extrem wichtig und bewundere die Menschen, die sich dort tagtäglich engagieren.

Das sind für mich die gesellschaftlichen Grundmauern: Bildung, Jugend, Soziales. Darauf bauen wir Kunst- und Kulturschaffende unsere Arbeit auf, wenn wir gesellschaftlich relevante Fragen stellen, unterschiedliche Positionen auf die Bühne holen, auch provozieren. Konkret das Theater gewinnt meiner Meinung nach gerade wieder an Bedeutung, denn so eine Kommunikationssituation wie bei uns wird in unserer Gesellschaft leider immer seltener. Bei uns sitzen bis zu 700 Leute in einem Raum, erleben gemeinsam eine im besten Fall emotional und intellektuell anregende Zeit, können sich direkt austauschen. Das ist ein großes Privileg des Theaters in einer Zeit, in der die Vereinzelung und Egozentriertheit spürbar um sich gegriffen hat.

wbh: Im Hinblick auf die Landtagswahl im Sep 2019: Was kann jede*r Bürger*in aktiv tun, um dem Rechtsruck mit demokratischen Mitteln entgegenzuwirken?

Wählen gehen!

wbh: Was sind Ihres Erachtens in Sachsen und Brandenburg die Gründe für den Aufstieg der AfD bei der Europa- und Kommunalwahl?

Die Gründe sind sicher komplex und lassen sich nicht mit einfachen Antworten erklären. Hinter jeder Stimme steckt eine Wählerin oder ein Wähler mit individueller Motivation. Ich glaube aber auch, es wurde in den letzten Jahren und Jahrzehnten viel verschlafen, bewusst oder unbewusst „übersehen“, auch totgeschwiegen. Dass es in vielen ostdeutschen Bundesländern Probleme gab und gibt, ist lange bekannt. Dass es tiefe emotionale Verletzungen nach 1989/90 im Osten gab, die bis heute nachwirken, dass es radikale Gruppierungen gibt, die immer größeren Zulauf finden – das ist schon lange bekannt. Dennoch wurde über Jahre beispielsweise von früheren sächsischen Ministerpräsidenten behauptet, Sachsen hätte kein rechtes Problem. Anscheinend wollte sich niemand in seiner Amtszeit dieses heikle Thema auf die Agenda setzen. Die Übergriffe in Chemnitz im letzten Jahr sind nicht vom Himmel gefallen: In meiner Zeit in Chemnitz wurde beispielsweise das jüdische Restaurant „Shalom“ bereits mehrfach angegriffen, aber erst im letzten Jahr, als Chemnitz explizit zum Thema Rechtsextremismus in die Schlagzeilen kam, wurde das ein großes mediales Thema.

Spätestens seit dem Aufdecken des NSU kommt niemand mehr an den rechten Problemen in Sachsen und anderen ostdeutschen Bundesländern vorbei. Die Aufregung wurde 2015 mit Heidenau, PEGIDA etc. erneut groß, der Fokus auf Sachsen und viele ostdeutsche Bundesländer wurde so stark wie die Jahre davor kaum. Aufmerksamkeit scheint etwas zu sein, was viele Ostdeutsche seit Jahren vermissen. Und die Themen Extremismus, AfD und Ostdeutschland garantieren viel Aufregung und Unruhe in Deutschland und darüber hinaus. Die letzten Wahlen zeigten denn auch wieder, dass sich mit relativ wenig Aufwand ein „speziell ostdeutscher Reiz“ setzen lässt, der große überregionale Wahrnehmung garantiert. Vielleicht ist dies für einige wichtig(er), als sich tatsächlich mal mit Inhalten auseinanderzusetzen?

wbh: Angenommen, die AfD zieht in Sachsen zur Landtagswahl mit den gleichen Ergebnissen wie nach der Europa- und Kommunalwahl in den Sächsischen Landtag ein, welche Auswirkungen kann das für die Gesellschaft, Politik, Kunst und Kultur, Bildung und Soziales haben?

Das muss man sehen und abwarten. Vor allem auch, welche Koalitionen sich im neuen Sächsischen Landtag finden und wer in die Regierungsverantwortung kommt, welche Ministerien wie besetzt sein werden etc. Wir haben vor der Sommerpause im Schauspielhaus öffentlich aus den Parteiprogrammen zur Sächsischen Landtagswahl gelesen. Eine sehr empfehlenswerte Lektüre übrigens, die für Jede und Jeden zugänglich ist. Dort kann man am besten erfahren, welche Auswirkungen welche Regierung für die Gesellschaft, Politik, Kunst und Kultur, Bildung und Soziales haben können.

wbh: Wie kann man Demokratie-Initiativen und Protagonist*innen vor Ort aktiv unterstützen und ihr Engagement stärken?

Hingehen, sich vernetzen, sich gegenseitig stützen.

wbh: Wie kann man Nichtwähler*innen erreichen, damit sie wählen gehen?

Ich versuche es immer damit, ihnen zu erklären, warum ich es schade finde, dass sie ihre Stimme nicht nutzen und wie wichtig dieses Grundrecht für eine funktionierende Demokratie ist. Aber letztlich ist es die eigene Entscheidung und auch das Recht einer Jeden und eines Jeden, nicht zu wählen. Auch wenn ich es persönlich nicht gutheiße.

wbh: Wie kann man Menschen, die sich benachteiligt und abgehängt fühlen, bspw. Menschen, die nach dem Mauerfall viel verloren haben, Angst um ihre Existenz und vor Überfremdung haben, erreichen und in die Gesellschaft zurückholen?

Zunächst einmal, indem man ihnen zuhört und ihre Ängste, Sorgen ernst nimmt – egal ob man sie teilt oder nicht. In der Formulierung „gefühlte (Wende-)Verlierer“ steckt das Wort GEFÜHL. Und Gefühle sind nicht immer rational oder logisch oder „richtig“. Es ist eine große Herausforderung (so habe ich es zumindest oft in Gesprächen erfahren) gegen „Gefühle“ zu argumentieren und zu überzeugen. Dennoch sollte und muss man sich dem stellen.

Ich glaube, dass eine weitere Konfrontation und gesellschaftliche Spaltung vermieden werden muss. Es gibt für unser Land klare Grenzen, die im Grundgesetz deutlich benannt sind. Die gehören eingehalten. Punkt. Aus. Aber jede Bewegung innerhalb dieses Rahmens sollten wir aushalten können, egal ob es uns gefällt oder nicht.

wbh: Warum haben Ihres Erachtens Menschen Angst vor „dem bösen schwarzen Mann“, vor Migrant*innen und Muslimen?

Ich weiß gar nicht, ob sie tatsächlich alle Angst vor „dem bösen schwarzen Mann“ haben oder Migrant*innen oder Muslimen. Vielleicht sind es eher diffuse, irrationale Sorgen, die mit jeder einzelnen persönlichen Biographie zu tun haben – Biographien, die teilweise von massiven Veränderungen geprägt sind, von Verlustängsten. Und da ist der sogenannte „böse schwarze Mann“, den man gerade hier in Ostdeutschland ja fast gar nicht sieht, nur ein Sinnbild und Ausdruck für viele diffuse, irrationale und extrem unterschiedliche Ängste und für eine Form der Überforderung.

wbh: Meinen Sie, viele Menschen fühlen sich von Politiker*innen nicht entsprechend ihrer Meinung vertreten und abgeholt? Herrscht eine große Kluft zwischen Politiker*innen und Bürger*innen?

Mag sein, dass sich viele Menschen nicht abgeholt „fühlen“. Aber so funktioniert eine demokratische Gesellschaft eben auch nicht, dass sich Jede oder Jeder mit ihrer oder seiner Meinung immer auf Platz 1 der Tagesordnung vertreten findet und „einzeln abgeholt“, immer sichtbar und immer gehört wird. Das gehört eben auch zur Demokratie dazu, dass es Mehrheitsentscheidungen gibt (die zumeist Kompromiss-Entscheidungen sind) und mit denen ich mich arrangieren muss. Wer politisch etwas ändern möchte, gestalten möchte, darf sich doch gerne politisch engagieren. Ich persönlich habe sehr viele Menschen in der Politik kennengelernt, die zu einem Großteil ehrenamtlich viel für ihre Stadt, ihr Land, unseren Staat leisten. Ich habe großen Respekt vor deren Arbeit und finde es beschämend, wenn sie zum Teil persönlich aufs Schlimmste angegriffen und diffamiert werden.

wbh: In den sozialen Medien war zu lesen, dass man weniger auf die „Bedürfnisse“ der besorgten und Wutbürger*innen eingehen soll, sondern eher auf die unserer Jugend. Wie sehen Sie das?

Ich würde diese Gruppen nicht gegeneinander ausspielen.

wbh: Wie wichtig sind Zivilgesellschaft und Zivilcourage?

Ich halte sie für sehr wichtig.

wbh: Wie können wir unsere Demokratie schützen und stärken?

Indem wir immer wieder positiv hervorheben, welch hohes Gut unsere Demokratie ist und wie dankbar wir unseren Vorfahren sein müssen, dass sie dies für uns erkämpft haben. Aber wir müssen eben auch ehrlicherweise immer betonen, dass Demokratie harte Arbeit bedeutet – für ALLE Bürgerinnen und Bürger dieses Landes.

INTERVIEW MIT MARKUS RENNHACK

wbh: Magst du unseren Leser*innen kurz von deiner Arbeit und deinem Leben erzählen.

Auf die Gefahr hin schon bei der ersten Antwort langweilig zu werden: Mit Blick auf den Anlass dieses Interviews möchte ich ein bisschen weiter ausholen als das bloße „Ich bin Musiker, Musikunternehmer und Politologe“.
Ich hatte das große Glück, meine Berufung schon als Teenager gefunden zu haben und bis heute immer sehr nah dran gewesen zu sein, sie auch offiziell „Beruf“ nennen zu dürfen. Ich mache seit meinem vierzehnten Lebensjahr Musik, immer unabhängig, immer kompromisslos, entsprechend auch immer wahnsinnig prekär. Ich habe Jahre erlebt, in denen ich die täglichen Brotscheiben abzählen musste. Trotzdem habe ich nie an diesem Weg gezweifelt, denn ohne Musik würde ich vermutlich eingehen.
Also hieß es lange Zeit auch kämpfen. Kämpfen gegen normative Lebensentwürfe, kämpfen gegen kafkaeske Bürokratie. Nach der Schule bin ich aus dem Westerzgebirge nach Leipzig gezogen. Hier habe ich in musikalischer Hinsicht das Tor zur Welt gefunden und nebenbei so lang wie möglich per Studium zumindest frei vom Gängelsystem des deutschen Sozialstaats gelebt. Ich war ganze 16 Semester eingeschrieben, was im tabellarischen Lebenslauf nach Faulheit aussieht. Tatsächlich habe ich mein Politikwissenschaftsstudium aber durchaus ernsthaft in der Rekordzeit von 5 Semestern geschafft, aufgeteilt in drei Intensivphasen und unterbrochen von zweieinhalb Albenproduktionen und zahllosen Konzerten.
Danach war ich ein sperriger Sonderfall im System Hartz4 – ausgebildet, diesen Quatsch zu durchschauen und die Sachbearbeiter mit rechtswissenschaftlichen Kniffen und Max-Weber-Zitaten an die Grenzen ihrer Dienstanweisungen zu bringen, aber auch generell gar nicht sinnvoll erfassbar. Das kann jeder freiberufliche Künstler bestätigen: Alle Erfolge zählen nicht, wenn der Businessplan nicht aufgeht. Und das geht er in der Kulturwirtschaft praktisch nie. Du kannst am Morgen noch vom Bürgermeister für den Pressetermin als Kulturschaffender die Hand geschüttelt bekommen, am Nachmittag bist du wieder der asoziale Schmarotzer, der wegen der Weigerung, für einen unflexiblen 40h-Schichtjob sein dekadentes „Hobby“ aufzugeben, mit Sanktionen bekehrt werden muss. Ein Glück, dass ich Brotscheibenzählen schon vom Studium her gewohnt war.
Noch größeres Glück aber, dass ich irgendwann 2014 meinen langjährigen Verleger Rajk in Berlin getroffen habe und wir spontan beschlossen haben, dass ich bei ihm als Mitarbeiter einsteige und wir Kick The Flame vom Ein-Mann-Unternehmen zum mittlerweile wohl größten Musikverlag der Region haben wachsen lassen. Es macht mich glücklich, mit dieser Arbeit so vielen anderen Autoren und Musikern eine Infrastruktur bieten zu können, die den Rücken freihält und Dinge ermöglicht, statt zu verkomplizieren und zu bremsen.
Rückblickend glaube ich heute mehr denn je, dass Empowerment die richtige Einstellung ist, Menschen zu begegnen. Überall, ob Ämter, Schulen oder Stammtische. Ganz besonders, wenn es Begegnungen sind, die nicht auf Augenhöhe stattfinden. Da kann eine Behörde noch so offiziell von Kunde und Agentur sprechen, von „gemeinsamen Bemühungen“ etc. – wenn die zugrundeliegende Haltung von Geringschätzung und Misstrauen geprägt ist, wird immer am Ende nur Demütigung und Verdrossenheit rauskommen. Ich habe auf dem Weg zum Jobcenter seinerzeit immer „Schlachtrufe BRD“ gehört, linksextreme staatsfeindliche Musik. Und ich war tatsächlich auch in Bombenlegerstimmung.
Ich habe kein Verständnis für Politikverdrossenheit, der das Solidarische fehlt. Die sich an den Mitmenschen abarbeitet, statt an den Verhältnissen. Aber ich kann den Weg dahin durchaus nachvollziehen. Es ist der leichte Weg, auf dem man nicht kämpfen muss, auf dem man sich einfach treiben lassen kann, bis einen jemand auffängt und mitzieht. Und die Resonanz ist dann halt am stärksten, wenn dieser jemand genau diesen Zorn, diese Verletzungen und diese Ohnmacht bespielt und instrumentalisiert.

wbh: Wo bist du aktiv, wofür engagierst du dich und trittst du ein?

Mich treiben drei Themen um, die mir sehr am Herzen liegen. Ich habe im Studium das Konzept des Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) kennengelernt und mir interdisziplinär alles dazu reingezogen, was greifbar war. Das reichte von meinem Stammfach Politikwissenschaften über Soziologie bis hin zu Philosophieseminaren über Gerechtigkeitskonzepte usw. Dass ich meine Jura-Wahlpflichtprüfung im Bereich Arbeitsrecht abgelegt habe, war auch davon motiviert. Wir Politologen wissen schon lange, dass die moderne Vollbeschäftigungsgesellschaft passé ist und die postmoderne Herausforderung darin besteht, zu einer Gesellschaft zu finden, in der Erwerbsarbeit nicht mehr das zentrale Element ist. Ein BGE – in welcher Form auch immer – ist hier eine elegante Lösung. Ich habe mich dafür vor allem in den frühen Nullerjahren sehr intensiv in den Diskurs geworfen.
Mein zweites Herzensthema ist das Urheberrecht. Wie fast jeder Musiker habe ich auch sehr naiv angefangen und erstmal nur gemacht, ohne an Geld und Musikbürokratie zu denken. Und wie jeder Musiker habe ich quasi von Tag eins an gehört, wie doof die GEMA sei und wie Kacke Kommerz usw. Ich habe ungefähr fünf Jahre lang bitter notwendiges Einkommen verschenkt, weil ich die Geschichten nicht hinterfragt habe. Seit 2003 bin ich in der GEMA, die ich nicht nur als mein Inkassounternehmen, sondern viel mehr als meine Gewerkschaft verstehe. Und spätestens seit meiner ersten Tantiemenausschüttung ist meine Mission, den Lügen und Halbwahrheiten in meiner Szene Aufklärung entgegenzusetzen, damit andere nicht genauso lang wie ich das wichtige Standbein auslassen.
Das hat sich schnell erweitert zur generellen Urheberrechtsdebatte, in der uns Autoren ja auch immer von diversen Stakeholdern und halbinformierten Leuten erzählt wird, dass Sharing gleich Caring sei und die Musikindustrie en bloc eine Contentmafia. Richtig schlimm wurde es, als die Piraten um 2012 ihren Hype hatten und wegen ihres offenen Konzeptes einige BGE-Aktivisten wie Susanne Wiest und Johannes Ponader dort hineindrängten. Da war die Anti-Urheberrechtspartei plötzlich auch die BGE-Partei und hat diesen Spagat mit der These vom BGE als Ersatz für Vergütungsansprüche versucht. Das hat mich damals sowohl als BGE-Aktivist als auch als Urheber die Haare raufen lassen.
Seit 2012 habe ich dann also die Debatte nicht mehr nur in der Szene geführt, wo wir ja wenigstens alle den gemeinsamen Hintergrund des Musikmachens hatten. Ich bin rausgegangen und habe mich in jede Debatte eingeklinkt und sowohl die Idee des BGE gegen den Piratenmurks verteidigt, als auch für ein starkes Urheberrecht argumentiert. Da das BGE leider noch nicht so viel Reichweite hat, ging es irgendwann nur noch um das Urheberrecht. Und weil ich sowohl einen praktischen als auch einen fachlichen Hintergrund mitbringe, war ich bald deutschlandweit als Sachverständiger unterwegs und bin das im Prinzip auch heute noch.
Mein drittes Herzensthema ist Umweltschutz. Da man aber nur begrenzt Energie aufbringen kann, ist das ein sehr stilles. Hier nerve ich wohl eher passiv aggressiv mein direktes Umfeld, mit meiner fleischlosen Ernährung und allgemein sehr konsumasketischem Lebensstil. Offen gesagt bin ich hier auch viel zu inkonsequent, um öffentlich den Zeigefinger zu erheben.

wbh: Wie fühlt es sich an, Politik aktiv mitzugestalten?

Großartig, wenn man was erreicht, frustrierend, wenn nicht. Also meistens frustrierend, mit ein paar tollen Momenten. Mir hilft, dass ich eigentlich auch sehr gern diskutiere, womit ich nicht streiten meine. Ich lerne gern und ich mag Herausforderungen. Meine Mitgestaltung ist ja fast immer informell und mittelbar. Nur in der GEMA kann ich mir als Delegierter der „kleinen“ Komponisten manchmal selbst auf die Schulter klopfen, wenn ich an einem Antrag zum Verteilungsplan mitgewirkt habe. Aber das ist auch alles sehr kleinteilig.
Ich habe Hochachtung vor Kommunalpolitikern, vor Verbandsleuten und all den anderen Menschen, die im Maschinenraum der Gesellschaft fern vom Rampenlicht dafür sorgen, dass alles irgendwie läuft. Während meiner Arbeit im Verlag und als Delegierter bekomme ich ein bisschen das Gefühl dafür und bin umso glücklicher, wenn ich wieder nach Draußen darf, auf ein Podium oder am allerliebsten natürlich mit der Gitarre und meinen Bandkollegen auf die Bühne.

wbh: Warum ist es wichtig, dass sich jede*r mit Politik beschäftigt und diese aktiv mitgestaltet und wie?

Ich bin mir offen gesagt gar nicht sicher, ob diese Frage so allgemein gestellt werden kann. Ich möchte bspw. nicht, dass Rassisten und Faschisten aktiv Politik mitgestalten. Ich bin auch regelmäßig unglücklich über Kampagnen für hohe Wahlbeteiligung, da ich als Politologe natürlich weiß, dass Nichtwähler- und Protestwählermilieus weitgehend deckungsgleich sind.
Ich halte es für wichtig, sich erstmal grundsätzlich mit der Frage auseinanderzusetzen, ob man selbst eher von weltanschaulichen Konzepten oder von konkreten gesellschaftlichen Problemen getrieben ist, bevor man politisch aktiv wird. Letzteres ist super, weil man quasi sofort lösungsorientiert ins Thema einsteigen kann. Aber in beiden Fällen kommt man nicht umhin, sich die Anschlussfrage zu stellen, ob man sich gerade wirklich für alle Betroffenen engagiert oder ob man ein Partikularinteresse bedient und wie schwer dieses in Abwägung mit anderen Interessen wiegt. Die Antwort auf das „wie“ der Mitgestaltung heißt meines Erachtens „verantwortungsbewusst“.
Es kann nicht schaden, sich mit John Rawls Konzept des Schleiers der Unwissenheit (über die eigene Betroffenheit von Entscheidungen) zu beschäftigen, den man sich überwerfen möge, bevor man die Gesellschaft gestaltet. Überhaupt halte ich die Lektüre von Moralphilosophie für unterschätzt, wenn es um aktive Politik geht.
Klar, ich möchte natürlich auch, dass jeder mit einer solidarischen Haltung aktiv Flagge zeigt und das Maul aufmacht, wenn Nazithesen laut werden. Aber ich fürchte einerseits, dass wir hier schon in manchen Regionen froh sein dürfen, wenn man danach nicht gleich aufs selbige Maul kriegt, es also einfach leicht dahingesagt ist, wenn man in Leipzig wohnt. Das bloße „Macht mal, wenns brennt“ reicht nicht, wir brauchen wirklich tiefere, kompetentere und interessantere Debattenkultur, die auch das Gegenüber fordert und nicht nur Reflexe abfragt.
Und andererseits wünsche ich mir auch grundsätzlich im Kleinklein, dass nicht Mehrheitsentscheidungen unser Leben prägen, bei denen sich niemand erkennbar in die Lage der nachteilig Betroffenen eingefühlt hat. Denn unser aktuelles Problem mit „besorgten Bürgern“ geht ja nicht zuletzt darauf zurück, dass sich so viele abgehängt fühlen wegen genau dieser Erfahrung.

wbh: Was ist unser Erbe, was ist unsere Zukunft?

Ich finde diese Frage wunderbar. Unser Erbe ist eine intakte, aber stark angeknackste Gesellschaft. Eigentlich läuft hier alles vergleichsweise reibungslos, aber trotzdem lauert gefühlt ständig der Abgrund. Wir schauen alle ängstlich in die Zukunft, nur die Ängste unterscheiden sich. Also erlauben wir uns nie wirklich eine Zukunft, sondern reihen nur Gegenwart an Gegenwart und früher war natürlich immer alles einen Ticken besser als heute und die anderen sind alle doof, weil sie die falsche Angst mit sich herumtragen.
Natürlich lässt sich Wandel nicht aufhalten. Wir ignorieren das aber, statt im Positiven zu umarmen und im Problemfall effektive Lösungen zu wagen. Und wenn die Kinder in den Brunnen gefallen sind, dann beschäftigen wir uns lieber mit Schuldfragen, statt die Ärmel hochzukrempeln. Wir machen es denen, die schon an den Lösungen arbeiteten, als wir noch ignorierten, dann noch schwerer. Denn Schuldfragen werfen ja das Problem auf, dass man die vorherige Ignoranz noch viel stärker legitimieren muss. Da stören Leute, die es schon immer besser gewusst haben.
Ich bin überzeugt, dass unser kulturelles und gesellschaftliches Erbe erst richtig aufgearbeitet werden muss, bevor wir eine Zukunft haben. Wir müssen eine kritische und gleichzeitig positive Haltung zu unserer Identität finden. Ich sage das im Bewusstsein, dass mir viele Linke hierin widersprechen werden. Ganz besonders, wenn ich noch eins drauflege und sage, dass wir in Ostdeutschland ganz besonders auch unsere DDR-Vergangenheit ganz dringend aufarbeiten müssen, noch dringender als die Nazizeit, bei der wir uns zumindest über sämtliche Lager hinweg, einschließlich der Rechten, einig sind, dass sie ein Schandfleck in unserer kulturellen Vita ist.
Das Problem mit der DDR ist nämlich, dass vor 40 Jahren eine legitime subversive Protestkultur blühte, die sich intensiv an einem totalitären Regime abarbeitete, das heute im Rückblick überwiegend ostalgisch verklärt als ein bisschen Stasi, ein bisschen Mauer und der schrullige Honecker ganz harmlos aussieht, damals aber eben die Menschen zwang, entweder mit der Faust in der Tasche zähneknirschend mitzulaufen oder aber für den harmlosesten Quatsch als Staatsfeind verfolgt zu werden. Das will und kann sich keiner mehr vorstellen, gerade, wer es wie meine Generation nur noch als Kind oder die nachfolgenden nur noch als Anekdote erlebt hat.
Erinnerungen an Regime verblassen, Kultur hingegen ist zählebiger. Und unsere spezifisch ostdeutsche Kultur hat einen reichen Schatz an konkreter Systemkritik hinterlassen, die ohne den zeitgeschichtlichen Kontext plötzlich offen für feindliche Übernahme ist. Wenn heute die AfD mit Slogans wie „die Wende vollenden“ und Nazis mit „Wir sind das Volk“ aufschlagen, dann docken die genau daran an. Wir müssen uns diese Kultur wieder zurückholen, indem wir uns den Kontext wieder ins gesellschaftliche Gedächtnis rufen und eben klarstellen, dass ein Schimpfen aufs System eben nicht einer Demokratie galt, sondern genau solch einem totalitären Staat, den sich AFD und Nazis wünschen. Wir müssen klarstellen, dass die Freiheitskämpfer zumeist selbst dezidiert sozialistisch und mindestens solidarisch eingestellt waren und sich nicht mit einer ausgrenzenden, menschenverachtenden Bewegung gemeinmachen würden. Unsere inoffizielle Ossi-Kultur war damals ja tatsächlich im Subversiven der Zukunft und dem Menschen und nicht zuletzt auch der Umwelt zugewandt.
Aber natürlich geht es nicht nur um Ostalgie versus Erinnerung. Landser covern Ton Steine Scherben, PEGIDA singt „die Gedanken sind frei“, Neonazis schmücken ihre Facebookseiten mit Zitaten von Fichte und Fontane und – ausgerechnet! – Heine. Fehlt nur noch Brecht … Das darf man denen wirklich nicht überlassen.

wbh: Was wünschst du dir für ein besseres menschliches Miteinander?

Mehr Gelassenheit und mehr Achtsamkeit.

wbh: Was bedeuten für dich Freiheit, Schutz der Menschenwürde und Gleichberechtigung?

Sehr große Ziele, die laufend und insbesondere im Kleinklein neu errungen werden müssen. Ich finde es spannend, dass jeder dieser drei Begriffe, insbesondere aber die Freiheit, Grenzen haben, die sich nicht eindeutig ziehen lassen. Am ehesten vielleicht noch bei der Menschenwürde, die muss man ja „einfach“ nur unangetastet lassen. Aber gerade die Urheberrechtsdebatte hat mich gelehrt, dass auch die Frage, wann das Urheberpersönlichkeitsrecht weniger wiegt als die Kunst-, Meinungs- oder ganz schnöde die Konsumfreiheit, auch sehr schnell die Würde der Betroffenen berührt.

wbh: Wie wichtig sind Kunst und Kultur, Bildung, Medienkompetenz, Soziales, Jugendhäuser und psychologische Betreuung für unser Zusammenleben?

Extrem wichtig und leider auch mit destruktivem Potential behaftet. Wir brauchen nicht nur all das, sondern wir brauchen von all dem das Richtige. Ich finde es gut, dass ihr psychologische Betreuung hier mit aufzählt. Das hat ja ein unsinniges Stigma. Für mich geht das aber bereits damit los, dass wir Hilfestellungen im Umgang mit Situationen bekommen, in der Art, dass wir nicht irgendein Schema abarbeiten, sondern dass wir uns darüber klar werden, was mit uns und unserem Gegenüber passiert.
Ganz wichtig finde ich das, wenn Kinder ins Spiel kommen. Ich habe zwei Knirpse und psychologisches Know-How hilft mir, zu verstehen, was mit denen und was mit mir und was mit meiner Freundin los ist, während wir uns gemeinsam durch dieses Abenteuer wurschteln, eine Familie mit irgendwann vier mündigen Menschen zu sein. Ich suche das und nehme das gerne an. Und ich glaube auch, dass das in vielen Beziehungen hilft.
Man muss ja immer aufpassen, dass man nicht pathologisiert. Ich glaube nicht, dass bspw. fanatische Arschlöcher alle massiv psychisch gestört sind. Ich glaube vielmehr, dass wir alle einen leichten Knacks weghaben, ganz einfach, weil wir noch in einer Kultur leben, die uns nicht achtsam und bedürfnisorientiert und empowernd sozialisiert, sondern eher Ängste und Minderwertigkeitskomplexe kultiviert. Das schütteln wir nicht so schnell ab, das wird noch ein paar Generationen brauchen…
Umso wichtiger, dass niemand alleingelassen wird und es breite soziokulturelle und auch psychologische Angebote gibt. Was ich so von den Schulen höre, stimmt mich das im Moment aber eher pessimistisch. Da scheint noch nicht viel Fortschritt im Vergleich zu meiner Schulzeit Einzug gehalten zu haben. Ohne jetzt meine Lehrer dissen zu wollen. Mir geht es eher um die systematische Ausrichtung, die didaktischen Konzepte, Notenzwang, Leistungsdruck, Eintrichterung von Faktenwissen, also Lernen für die Prüfung, nicht fürs Leben. Ich hatte einige Lehrer, die haben uns trotzdem für ihr Fach begeistern können und uns intuitiv auf Entdeckungsreise geschickt. Aber das darf nicht lehrerabhängig, sondern muss systematisch sein.

wbh: Im Hinblick auf die Landtagswahl im Sep 2019: Was kann jede*r Bürger*in aktiv tun, um dem Rechtsruck mit demokratischen Mitteln entgegenzuwirken?

Ich werde jetzt nicht sagen, dass jeder wählen gehen soll, auch wenn das zweifelsohne das Effektivste wäre. Dafür ist mir das Recht auf Stimmenthaltung aber einfach zu wichtig, gerade wenn man sich gezwungen sieht, immer und immer wieder ein kleineres Übel zu wählen. Das ist ein bisschen wie Geiselhaft. Ich wünsche mir natürlich, dass jeder eine demokratische Partei wählt. Ich wünsche mir aber noch mehr, dass jeder ganz aktiv mindestens der demokratischen Partei seiner Wahl ganz massiv auf den Keks geht mit programmatischen Vorschlägen und Kritik, auf dass wir endlich mal zu dieser partizipativen Politik finden, die wir auf dem Papier schon haben. Denn die müssen nicht nur die Parteien liefern, wir Bürger müssen sie auch aktiv einfordern.
Genauso wichtig finde ich, dass wir das elende Mimimi der „besorgten Bürger“ kompetent zur Rede stellen. Das ist meistens gar nicht so anstrengend, wenn man sich erst einmal dazu überwunden hat, den „Frieden“ zu stören. Tatsächlich ist meine Erfahrung, dass in gemischten Gruppen die Rechten oft einfach nur deswegen die Deutungshoheit haben, weil alle anderen peinlich berührt sind und hoffen, dass bald das Thema wechselt. Entsprechend hilft es dann nicht, einfach anders peinlich einzusteigen. Aber es lohnt sich eigentlich immer, ganz sachlich aber mit Haltung zu widersprechen oder wenigstens Zweifel zu Äußern. Dann kommen die anderen auch sehr schnell aus der Deckung. Endlich hat mal jemand was gesagt …
Der Witz ist ja, dass die Rechten eigentlich kein wirklich relevantes Thema haben. Migration und Islamismus? Viel zu weit weg, wenn man auf dem Land wohnt und wenn man in der Metropole wohnt, kennt man normalerweise genug Muslime um zu wissen, dass die nicht alle mordlüsterne Fanatiker sein können. Deutsche Leitkultur und identitäres Gedöns? Viel zu abstrakt! Klimaskepsis? Viel zu uncool. Mit den Kernthemen holen die jenseits ihrer Blase niemanden ab.
Die Gefahr liegt in der Instrumentalisierung von alltäglichem Unmut. In der Facebookgruppe meines erzgebirgischen Heimatstädtchens lässt sich das schon seit Monaten beobachten, wie die AfD-Anhänger jeden kleinen Schwachsinn versuchen zur Systemfrage hochzujazzen. Wenn da niemand gegenhält, dann kann das verfangen. Aber es ist so verdammt einfach zu entzaubern, wenn man einfach mal das Heißlaufen der Politikverdrossenheit mit ein paar freundlichen kompetenten Einwürfen abwürgt. Gerade, wenn sich jeder kennt und Trollereien eher schlecht rüberkommen, besteht die Chance, mit Argumenten wirklich was zu bewegen. Und sei es, die Protestwähler wieder zurück ins Lager der Nichtwähler, wenn denn die demokratischen Parteien keine brauchbaren Angebote liefern.

wbh: Angenommen, Rechtspopulisten ziehen in Sachsen zur Landtagswahl mit den gleichen Ergebnissen wie nach der Europa- und Kommunalwahl in den Sächsischen Landtag ein, welche Auswirkungen kann das für die Gesellschaft, Politik, Kunst und Kultur, Bildung und Soziales haben?

Vor allem kurzfristig für die Soziokultur und mittelfristig auch für die Kultur im allgemeinen katastrophale Folgen. Wir rechnen mit Streichung von Fördermitteln und mit dem Versuch der Behinderung von allem, was sich auch nur ansatzweise gegen rechts positioniert. Mit vielem werden sie nicht durchkommen, gerade die Idee von der inhaltlichen Verpflichtung zu einer bestimmten Art von Kultur scheitert ja an der gesetzesvorbehaltlosen Kunstfreiheit – da sind die Erfahrungen mit totalitärem Zugriff einfach zu massiv gewesen. Aber der Umweg über die Fördertöpfe ist natürlich da. Und dass eine rechte Kulturpolitik hier nur mit Kahlschlag zum Ziel kommen kann, also mit der Trockenlegung ganzer Kulturbereiche, wenn dort viele gegen rechts aktive Projekte verortet sind, macht die Sache nur noch schlimmer.
Was unsere Gesellschaft insgesamt angeht: Ich denke, da wird sich nicht viel ändern. Wir haben den Rechtsruck nur in den Wahlergebnissen, in der Gesellschaft kam das schleichend, aber mit Ansage. Es ist ja auch nicht gerade so, dass wir eine sehr progressive CDU haben. Und wer heute AfD wählt, hat in vielen Fällen wohl bislang auch nur auf eine wählbare Alternative gewartet. Nicht unbedingt zu den demokratischen Parteien, wohl eher zur NPD. Kaum verhohlene Neonazis zu wählen, ist halt doch eine krassere Nummer, als die „wertkonservativen“ Pseudodemokraten. Die werden nicht gleich das Dritte Reich ausrufen, es aber vielleicht „der Schnösel-Elite mal so richtig zeigen“. Wenn man das Gefühl hat, dass man nicht zur Zielgruppe der kulturellen Angebote gehört, dann läuft es sich auch leicht Amok bei der Stimmabgabe.

wbh: Wie kann man Demokratie-Initiativen und Protagonist*innen vor Ort aktiv unterstützen und ihr Engagement stärken?

Durch Mitmachen oder wenigstens offenem Beifall. Man muss eigentlich auch jedem Danke sagen, der im Alltag von frustrierten Leuten runtergemacht wird. Vom Busfahrer bis zum Polizisten. Solidarität einüben! Denn wie eingangs gesagt: Politikverdrossenheit ist die Wurzel, aber das eigentliche Übel ist die unsolidarische Haltung. Sonst könnte ja auch Aktivismus wachsen, die Welt für alle besser zu machen und nicht für alle anderen noch schlechter.

wbh: Wie kann man Menschen, die sich benachteiligt und abgehängt fühlen, bspw. Menschen, die nach dem Mauerfall viel verloren haben, Angst um ihre Existenz und vor Überfremdung haben, erreichen und in die Gesellschaft zurückholen?

Die SPD wagt ja gerade in Sachsen ein spannendes Programm der Öffnung für Mitsprache. Und Kretschmer tourt durchs Land mit seinen Bürgergesprächen. Finde ich beides grundsätzlich sinnvoll, aber ändert nichts am Grundproblem der Existenzangst.
Ich bin wie gesagt für ein BGE. Konkret in der Form des ausbezahlten Einkommenssteuerfreibetrags wie wir das vom Kindergeld bereits kennen. Wenn die Existenzsicherung vom Erwerbseinkommen abgekoppelt wäre, sinkt nicht nur die Angst vor Armut, sondern bekommt die Frage des Berufs auch eine weniger drastische Bedeutung für die Identität. Da das Erwerbseinkommen „nur“ noch den gehobenen Lebensstandard finanziert, kann man nach wie vor stolz auf seinen Job und seinen Lifestyle sein, muss sich aber nicht mehr als asozialer Schmarotzer fühlen, wenn man arbeitslos wird. Man kann auch aufgrund des dann wirklich freien Arbeitsmarktes auch ein positiveres Gefühl zum Job entwickeln. Man geht nicht mehr malochen, um nicht gedemütigt zu werden, sondern man arbeitet für sich. Und was viele gar nicht auf dem Schirm haben: Wir haben ja nicht nur das entwürdigende Narrativ vom Arbeitslosen als jemanden, dem man per „Fördern und Fordern“ Hilfe aufdrängeln muss, sonst kriegt der sein Leben nicht auf die Reihe. Wir haben auch das Narrativ vom Steuerzahler, dem die Politik Rechenschaft ablegen muss, weil der ja alles bezahle. Da denkt intuitiv keiner an die Mehrwertsteuer, sondern insbesondere an Einkommenssteuer. Denn das ist die Steuer, die man am intensivsten wahrnimmt. Man kann sie per Steuererklärung beeinflussen und man bekommt vom Finanzamt nochmal einen Brief, quasi als Erinnerung: Du gehörst dazu. Oder eben nicht. Ein Einkommenssteuerbasiertes BGE macht automatisch auch jeden zum Einkommenssteuerzahler, also zum wichtigsten Typen in der deutschen Gesellschaft.
Und die Fördertopfabhängigkeit der Kulturprojekte, über die wir ja schon gesprochen haben, ist mit BGE zwar nicht weg, aber deutlich milder. Die freie Szene und überhaupt jedes Unternehmertum könnte angstfrei agieren. Ein Scheitern bedeutet schlimmstenfalls das Ende des Projekts, nicht das Ende der eigenen Existenz.
Die Angst vor Überfremdung kann man wohl nur durch Konfrontation mit Fremdem lösen. Ich denke aber ehrlich gesagt nicht, dass Überfremdungsangst wirklich so signifikant ist. Ich halte das eher für ein Ventil der stigmatisierten Existenzangst.

wbh: In den sozialen Medien war zu lesen, dass man weniger auf die „Bedürfnisse“ der besorgten und Wutbürger*innen eingehen soll, sondern eher auf die unserer Jugend. Wie siehst du das?

Ich mag die Anführungszeichen hier. Der Witz ist ja, dass niemand auf Bedürfnisse eingeht, sondern nur auf die plakativen Forderungen. Es hat doch niemand das Bedürfnis, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken oder dass Leute abgeschoben werden usw. Selbst die meisten der „besorgten Bürger“ begründen ihre menschenfeindlichen Positionen ja stets mit ökonomischen und sicherheitspolitischen Sorgen. Die Leute wollen für sich ein angenehmes Leben mit absoluter Garantie, dass das in der Krise auch so bleibt. Und die Jugend sieht, dass in ihrer Lebensspanne die Krise voll reinschlagen wird, wenn wir jetzt nicht endlich mal was unternehmen.
Klar hat da die Jugend recht. Genauso wie die Menschen, bei denen die Krise schon voll reingeschlagen ist, Recht haben. Nämlich das Recht, irgendwohin zu fliehen, wo es sich besser lebt. Es ist im Grunde genommen genau so simpel. Man muss schon ein ziemliches Arschloch sein, wenn man in dieser Situation nur an sich denkt. Deshalb machen wir ja all diese Verrenkungen, um die Situation möglichst komplex dastehen zu lassen. Niemand will Arschloch sein, aber konsequent will auch niemand sein. Je egoistischer, desto mehr Verrenkung ist notwendig. Aber auch: je verrenkter, desto egoistischer kann man sein.

wbh: Wie wichtig sind Zivilgesellschaft und Zivilcourage?

Die Zivilgesellschaft ist das A und O. Zivilgesellschaft heißt ja Bürger, die sich als Souverän verstehen und nicht als Untertan. Es gibt Untersuchungen zur sogenannten Staatsbürgerkultur. Es fällt auf, dass in Ländern mit ausgeprägter Zivilgesellschaft auch die Politik oft gut abschneidet. Die Skandinavischen Länder sind ein Beispiel. Länder mit überwiegend verdrossener Bevölkerung neigen eher zu schwachen, anfälligen Systemen mit vielen Regierungskrisen, hoher Korruption etc. Was da was bedingt, ist die große Frage. Vermutlich bestärkt sich das gegenseitig. Deutschland hat übrigens eine Untertanenkultur (wenig Engagement, durchaus Kritik, hohe Erwartungshaltung an die Politik) im Wandel zur partizipativen Staatsbürgerkultur. Mein Stand ist aber frühe Nullerjahre, also nagelt mich nicht darauf fest! 😊
Wenn ihr Zivilcourage im Sinne von Einstehen gegen Übergriffe meint, dann halte ich das ebenfalls für sehr wichtig, auch wenn es verdammt schwer ist, den Anfang zu machen. Aber eine Situation hat ja auch immer ein Nachspiel und es ist nie zu spät, den Mund aufzumachen. Und sei es, dem Opfer hinterher beizustehen oder den anderen zu signalisieren, dass der Übergriff, dessen Zeugen man gerade gemeinsam war, nicht akzeptabel ist und man einfach zu schockiert oder zu ängstlich war, sofort Zivilcourage zu zeigen. Ist ja leider auch nicht immer ungefährlich.

wbh: Was verbindest du mit: Wir sind mehr!

Als plakatives Bekenntnis eine gute Alternative zum anstrengenden Diskurs.

wbh: Was bedeutet für dich: Wir bleiben hier!

Im Grunde das gleiche. Ich muss aber gestehen, dass ich zwar wegen der Musik NACH Leipzig gegangen bin, aber ein bisschen auch wegen der Nazis weg VON meiner Heimat im Zwickauer Umland. Mein Herz hängt noch immer am Erzgebirge und ich bin sehr gern dort, schreibe diese Zeilen sogar auf Heimatbesuch. Aber ich habe hier auch eine Jugend verbracht, in der es normal war, dass man auf die Fresse bekommen kann, einfach nur, weil man alternativ aussieht. Ich habe erst mit zeitlichem und örtlichem Abstand gelernt, dass es eben NICHT normal ist, ständig auf Überfälle vorbereitet zu sein. Dauerhaft will ich da nicht wieder hin, schon gar nicht mit meinen Kindern.

„DIE DEMOKRATIE IST WEIBLICH“ – INTERVIEW MIT SCHWARWEL TEIL 1

Die nächsten Tage, bis zur #ltw19, stellen wir Sebastian Krumbiegel und Schwarwel Fragen zur Entstehung des Songs und Musikvideos „Die Demokratie ist weiblich“.
Beide Künstler geben uns aus ihrer Sicht Einblick in die Produktion, über die Entstehung und wie sie sich für die Stärkung unserer Demokratie einsetzen.

Wir wünschen euch viel Spaß beim Lesen.

wbh: Wie war deine Reaktion, als Sebastian dich anrief und dich fragte, ob du sein neues Video „Die Demokratie ist weiblich“-Video produzieren, schneiden und Regie führen möchtest?

Ganz ehrlich? Ich dachte: „Ach, du Scheiße!“

Nicht, weil ich Sebastian oder den Song nicht mag, sondern, weil ich aus Erfahrung weiß, was alles an so einer Produktion für vier Minuten dranhängt und dass es ein laaanger Weg ist, wenn man so eine ambitionierte Idee wie Sebastian hat: Ganz viele Leute singen lippensynchron zu einem Lied, um sich für Demokratie stark zu machen.

Wenn man ein dickes Budget, jede Menge Zeit und ein eingespieltes Team dafür zur Verfügung hat, ist das sicher realisierbar, aber von allen drei Sachen war am Anfang nichts da. Da war nur Sebastian mit seiner Idee, vor den Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg nochmal irgendwie Palermo zu machen und den Leuten den Rücken zu stärken, um sich im Alltag und an der Wahlurne für demoratische Grundwerte und gegen Menschenfeindlichkeit, Diskriminierung, Rassismus, Hass und Hetze zu stellen.

Da ich Sebastian als langjährigem Freund jedoch kaum etwas abschlagen kann und uns als Glücklicher Montag Demokratiearbeit in jedweder Form seit Jahren am Herzen liegt, haben Sandra und ich kurz unsere Studiokapazitäten gecheckt und dann Ja gesagt, wohlwissend, dass das ein heißer Ritt werden würde.

Die Arbeit im Schneideraum war von vorneherein das geringste Problem, da wissen ich und wir, was wir tun.

Die Herausforderung für Sebastian und uns bestand darin, die Mitmacher*innen anzufragen, ihnen kurz und präzise unsere Vorstellung ihres Parts vorzuschlagen und zu vermitteln, allen Text, Musik und unseren kurzgehaltenen Drehplan zu schicken – und dann die Ergebnisse per Datentransfer einzusammeln, damit wir alles schneiden und minimal aufhübschen können …

Das Video sollte von Anfang an rauh und authentisch rüberkommen, aber ein paar Qualitätsstandarts sind natürlich Pflicht: sendefähiges HD, alle Protagonist*innen müssen für die Rezipienten gut ausgeleuchtet und sofort klar erkennbar sein, die Textsicherheit muss stimmen … das war für uns drei ein gutes Stück Arbeit, weil wir bei keinem der Einzeldrehs mit dabei bzw. vor Ort waren. Das ging alles über WhatsApp, SMS, FB-Chat, E-Mail oder Telefon und wäre ohne die so oft geschltenen Neuen Medien gar nicht möglich gewesen.

Hut ab: Sebastian hat eine große Kondition und ein gerüttelt Maß an sturer Zielstrebgkeit dabei gezeigt, mit dem Großteil der im Video Auftretenden alles selbst abzukaspern, nachdem wir uns unseren Masterplan zurechtgelegt hatten. Er hat einfach alle angequatscht und immer wieder Leute neu motiviert, bspw. unbrauchbare Videoteile neu zu senden und er hat manche halbgare, unsichere Zusage in ein sendefähiges Ergebnis verwandelt, indem er sich nicht zu schade war, die Leute nochmal anzurufen, wenn sie ihren selbstorganisierten Dreh in ihrem eigenen Stress einfach nach hinten schieben mussten. Das lief in den allerallermeisten Fällen eins zu eins, ohne aufgeblasene Managementabteilungen, Zickenalarm oder wichtigtuerische Producer – denn das war vor Beginn der Produktion meine größte Sorge, weil sowas immer sehr viel Zeit und Nerven kostet und die Laune am Machen in den Keller zieht. Auf sowas habe ich keinen Bock mehr. Und deshalb war es großartig, dass unsere Videoproduktion ohne all solchen unnötigen Musikbranchenschmus ausgekommen ist.

Darin liegt für mich persönlich auch der wahre Wert von „Die Demokratie ist weiblich“: Die Mitmacher*innen haben auch hinter der Kamera gezeigt, dass es unkompliziert, menschlich, ohne großes Divagehabe und auf Augenhöhe miteinander funktioniert. Das war quasi gelebte Demokratie und so manches Gesicht im Video ist mir durch unsere Produktion sehr viel sympathischer geworden.

„Die Demokratie ist weiblich“ auf YouTube:
https://www.youtube.com/watch?v=cNtpOfSKSg4&feature=youtu.be&app=desktop&fbclid=IwAR3UVmv8GIGUQiafn4jQFU-voPWe3ljwdsuTSL-1BXWZhLM-ceJPv1MI2e

#wirbleibenhier #ddiw #sebastiankrumbiegel #schwarwel

„DIE DEMOKRATIE IST WEIBLICH“ – INTERVIEW MIT SEBASTIAN KRUMBIEGEL TEIL 1

Die nächsten Tage, bis zur #ltw19, stellen wir Sebastian Krumbiegel und Schwarwel Fragen zur Entstehung des Songs und Musikvideos „Die Demokratie ist weiblich“.
Beide Künstler geben uns aus ihrer Sicht Einblick in die Produktion, über die Entstehung und wie sie sich für die Stärkung unserer Demokratie einsetzen.

Wir wünschen euch viel Spaß beim Lesen.

wbh: Wie, wann und zu welchem Zeitpunkt bist du auf die Idee zu deinem #ddiw-Text gekommen?

Die Grundidee hatte eigentlich mein Vater, und das ist schon ein paar Jahre her. „Junge, schreib doch mal ein Lied über die Demokratie“. Ich sagte damals, dass das ein viel zu sperriges Thema ist, um daraus einen Popsong zu machen, aber irgendwann kam dann die Idee mit dem WEIBLICH-Wortspiel. So etwas kannst du nicht erzwingen, und ich bin sowieso nicht der Typ, der Lieder am Reißbrett entwirft. Ich denke, dass Songwriting auch etwas sehr Egoistisches ist. Ich selbst muss es gut finden, muss Fan sein von dem, was ich mache. Wenn ich darauf schiele, was anderen gefallen könnte, dann besteht die Gefahr, dass es – im sprichwörtlichen Sinne – gefällig wird. Ich glaube, die Leute habe ein gutes Gespür dafür, ob du „real“ bist, ob es authentisch ist, was du machst, oder ob du in eine Rolle schlüpfst. Ich kann da natürlich nur von mir selbst sprechen – andere sollen das so machen, wie es für sie funktioniert. Ich hab mal gelesen, dass Leonard Cohen jahrelang an „Hallelujah“ rumgeschraubt hat – und das ist einer der genialsten Songs, die ich kenne. Paul McCartney hat sein „Yesterday“ geträumt und dann sofort in kürzester Zeit geschrieben. Wie gesagt, es gibt da sicher verschiedene Wahrheiten. Ich bin, um auf die Frage zurückzukommen, auf jeden Fall froh, dass ich – bewusst oder unbewusst – auf den Rat meines Vaters gehört habe. Das sollte man wohl wirklich tun, solange es geht …

wbh: Wie verlief dein eigener persönlicher innerer und künstlerischer Weg bis zu deinem fertigen Text?
Ganz konkret nur der Zeitpunkt, bis du diesen Text/deinen Song für dich zu Papier gebracht hast.

Wenn die Idee gut ist, dann geht es bei mir eigentlich immer sehr schnell, dann fließt es fast automatisch raus. Ich nehme die Ideen immer mit meinem Handy auf, deswegen weiß ich auch noch sehr genau, dass dieses Lied am 30. Oktober letzten Jahres entstand. Das lustige daran ist, dass an diesem Abend Flo, der spätere Produzent des Liedes, den ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht kannte, in Ilses Erika, meinem Lieblingsclub in Leipzig, gespielt hat. Eigentlich wollte ich, da hingehen, weil wir ihn mit seiner Band zum LEIPZIG ZEIGT COURAGE-Festival einladen wollten. Dann hab ich aber doch lieber selbst Musik gemacht, und rückblickend könnte man jetzt voll esoterisch sagen: Ein Zeichen – ein Zeichen – haha … Die Grundidee, der Refrain und die erste Strophe waren plötzlich da, und dann hab ich am nächsten Tag weitergemacht und eine Woche später war es fertig. Mein Freund Bernd Begemann sagte mal: „Lieder wollen geschrieben werden, sie kommen zu dir.“ und ich glaube, da ist was wahres dran. Wenn du dich tagelang mit einer Idee rumschlägst, dann ist sie scheinbar nicht wirklich gut. Die besten Lieder entstehen – jedenfalls bei mir – in kurzer Zeit. Es ist immer wieder ein kleines Wunder, wenn dann auf einmal ein fertiges Lied da ist, und das schönste ist, wenn du selbst es am nächsten Tag immer noch gut findest – und das allerschönste, wenn du nicht der Einzige bleibst, dem es so geht 😉

„Die Demokratie ist weiblich“ auf YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=cNtpOfSKSg4&feature=youtu.be&app=desktop&fbclid=IwAR1PExOyDVbAhsCE_onDsK55m8uP3rwTYXbRhNzceFeY0i7HCq3DEdnwwZ8

#wirbleibenhier #ddiw #sebastiankrumbiegel #schwarwel

INTERVIEW MIT JEANNETTE HAGEN

wbh: Magst du unseren Leserinnen kurz von deiner Arbeit und deinem Leben erzählen.

In einem Interview wurde ich einmal gefragt, was mich antreibt. Drei Erfahrungen sind mir eingefallen, die heute mein Handeln maßgeblich bestimmen. Zum einen die Tatsache, dass ich meinen leiblichen Vater nicht kenne. Er verweigert bis heute den Kontakt zu mir. Das hat mich viele Jahre umgetrieben. 2015 habe ich ein Buch über das Thema Vaterentbehrung veröffentlicht. Im Zuge der Recherche ist mir deutlich geworden, wie viele Menschen unter Vaterentbehrung leiden und wie sehr dieses Thema, sozusagen aus dem Untergrund heraus, unsere Gesellschaft steuert und beeinflusst. Darum engagiere ich mich für Geschlechtergerechtigkeit, denn heute werden Väter den Kindern nicht mehr durch Kriege genommen, sondern durch Trennungen. Oft haben Väter auch keinen Bezug zu ihren Kindern, weil sie sich dem Vatersein nicht gewachsen fühlen. Es mangelt an liebevollen Vatervorbildern. Dafür ein Bewusstsein zu schaffen, ist mir ein großes Anliegen. Die zweite Erfahrung, die mich geprägt hat, ist die Ausreise aus der DDR am 09.02.1989 – also genau ein halbes Jahr vor dem Mauerfall. Davor lagen zweieinhalb Jahre Wartezeit, in denen ich von meiner Mutter getrennt war und in denen ich viele der Repressalien, mit der eine Diktatur aufwartet, zu spüren bekam. Das ist der Grund, warum ich mich heute sehr aktiv für Menschenrechte und für Freiheit einsetze. Momentan besonders für Menschen, die aus ihren Ländern fliehen mussten, weil dort Krieg herrscht oder die wirtschaftlichen Verhältnisse so katastrophal sind, dass ein stabiles Leben nicht gegeben ist. Als Helferin war ich 2016/17 auf Lesbos und in Idomeni und ich habe gemeinsam mit meinem Mann einen Hilfsgütertransport nach Griechenland organisiert. Weitergeführt wird mein Engagement durch die Firmengründung von „Kunst für Demokratie gUG“ und meine Rednerauftritte. Für mich gilt das Grundgesetz und die Menschenrechtskonventionen. Jeder Mensch ist gleich und jeder Mensch hat das Recht, dorthin zu gehen, wo er sein, sich entwickeln und ein lebenswürdiges Leben aufbauen kann. Die dritte Antriebskomponente ist meine Liebe zur Natur, zur Sprache, zu den Menschen, zur Kunst – zum Leben an sich. Für mich ist dieses Leben ein Geschenk, das ich voller Demut annehme und gestalte. Es schmerzt mich zu sehen, wenn Menschen ihr Potential nicht leben können und wie sie die Erde und sich selbst zerstören. Tief im Kern sind wir alle liebende Wesen und was es braucht, um an diesen Kern zu kommen, ist ein innerer Kompass. Manche nennen ihn Würde, andere Selbstermächtigung oder Selbstverantwortung. Menschen an diesen Kern zu führen – sei es durch das, was ich sage, schreibe oder anstoße –, liegt mir sehr am Herzen. Ich bin ein Mensch, der die Vision hat, dass wir es gemeinsam schaffen, diese Erde zu einem friedlichen und liebevollen Ort für alle zu gestalten. Ganz ohne Ressourcen-Verschwendung, Umweltverschmutzung, Krieg und Ausbeutung. Das zu erreichen, dafür stehe ich jeden Morgen auf.

wbh: Wo bist du aktiv, wofür engagierst du dich und trittst du ein?

Um mich einzubringen, meinen Ideen Gestalt zu geben und Haltung zu zeigen, habe ich 2018 das Unternehmen „Kunst für Demokratie“ gegründet. Für mich ist Kunst ein wichtiges Mittel, um Botschaften zu transportieren. Sie steht für mich für Freiheit und der Grad der Kunstfreiheit sagt viel über eine Gesellschaft aus. Neben dem Unternehmen, das es aufzubauen gilt, bringe ich mich mit meinen Texten und auch in den sozialen Medien ein. Ich will die vielen Hassbotschaften nicht stehenlassen. Ich versuche zu argumentieren und mich für Demokratie und Meinungsfreiheit einzusetzen.

wbh: Wie fühlt es sich an, in Sachsen Politik aktiv mitzugestalten?

Ich lebe zwar in Berlin, bin aber in Dresden geboren und nach und wie vor eng mit der Stadt verbunden. Eigentlich wollte ich ein Programm in Dresden auf die Beine stellen, aber die Förderung gestaltet sich schwierig. Ich habe den Eindruck, dass vielen Entscheidern nicht bewusst ist, wie schmal der Grad der Demokratie ist.

wbh: Warum ist es wichtig, dass sich jeder mit Politik beschäftigt und diese aktiv mitgestaltet und wie?

Ein befreundeter Fotograf hat neulich gesagt, dass wir einfach nicht mehr unpolitisch sein können. Ich sehe das genauso. Wir stehen an einem Scheideweg. Die Entwicklungen in den USA, in Italien und Ungarn zeigen, wie schnell eine Gesellschaft kippen kann, was Hass und Hetze anrichten. Ich glaube auch, dass es uns einfach gut tut, Gestalter zu sein. Wie viele haben in den letzten Jahren über „die da oben“ gejammert, weil sie „alles entscheiden“. Dabei liegt es doch an uns mitzuentscheiden. Wir sind doch nicht auf dieser Welt, um uns von anderen den Weg bereiten zu lassen. Wir sind ausgestattet mit Kopf und Herz und können uns einbringen. Das als Geschenk und als Möglichkeit zu sehen, wäre schon mal ein Anfang. Einbringen kann man sich auf vielen Ebenen. Muss ja nicht immer die große Sache sein. Ob im Haus, in der Straße, im Bezirk, der Stadt oder überregional – es gibt Möglichkeiten ohne Ende.

wbh: Wie kann man die Themen Politik, Beschäftigung mit Demokratie und unseren Grundwerten stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit bringen?

Für mich fängt das schon in der Schule an. Nicht unbedingt, indem man in Geschichte Daten paukt, sondern indem Geschichte lebendig vermittelt wird. Daneben sind die kreativen Fächer wie Kunst und Musik von großer Bedeutung, denn hier geht es auch um das Gestalten, darum, etwas zu kreieren, seiner Phantasie freien Lauf zu lassen. Dass so etwas benotet wird, ist ein Fehler, denn dadurch verlieren viele Menschen das Gespür für die eigene Kreativität und die Selbstwirksamkeit. Gleichzeitig fördert Kunst Empathie, baut Brücken und zeigt uns, was Vielfalt bedeutet. Neulich habe ich einen Satz von einem Mediziner gelesen: „Wer gemeinsam musiziert, schreibt danach keine Hassbotschaften“ im Netz. Davon bin ich überzeugt.
Wir stecken in einer ziemlich schwierigen Phase, in der sich scheinbar alles neu sortiert. Auch in der Politik, der Wirtschaft und in den Medien. Die alten Strukturen greifen nicht mehr und was kommt, weiß keiner so richtig. Da spielen Ängste eine große Rolle und sie abzubauen, wieder Zuversicht zu säen, ohne wieder das Rundumsorglospaket zu versprechen, was es einfach nicht gibt, ist eine Aufgabe.

Was ist unser Erbe, was ist unsere Zukunft?

Unser Erbe ist vielfältig. Da kommt alles zusammen und wir tun gut daran, es zu schätzen. Denn auch in der grausamen Vergangenheit liegt etwas, von dem wir lernen können – es anders, besser zu machen. Wir spüren das jetzt aktuell, wie viele Menschen „Nie wieder“ sagen und sich einsetzen. Mir macht das Mut. Mir machen auch die Fridays for Future-Demonstrationen Mut. Ich kann nicht sagen, ob wir es schaffen, den Klimawandel aufzuhalten oder unsere Demokratie stabil zu halten. Wir sehen ja, wie schnell Stimmungen kippen. Aber ich hoffe und wünsche natürlich, dass es uns gelingt, den Wandel zu gestalten. Dass wir trotz Digitalisierung und den rasanten Veränderungen und Herausforderungen mutig und Mensch bleiben. Uns darauf besinnen, dass es etwas gibt, was Algorithmen nicht können – gemeinsam etwas zu gestalten. Co-kreativ zu sein.

wbh: Was wünschst du dir für ein besseres menschliches Miteinander?

Ich wünsche mir, dass es uns wieder gelingt, einen Zugang zu unseren Gefühlen zu schaffen. Wenn ich mich frage, wie es mir geht, dann geben mein Körper und mein Gehirn mir eine Rückmeldung in Form von Gefühlen. Wir wissen eigentlich ganz genau, was wir brauchen, was uns gut tut, was moralisch rechtens ist und was nicht. Wir besitzen einen inneren Kompass, aber wir benutzen ihn zu selten oder gehen über seine Angaben hinweg. Wir würden keine Menschen auf dem Mittelmeer ertrinken lassen, wenn wir auf den Kompass hören würden. Wir würden auch keine Kriege führen. Ich wünsche mir, dass Kinder schon lernen, wie man diesen Kompass benutzt. Dann regelt sich ein besseres menschliches Miteinander von selbst. Dann sind wir weniger verführ- und manipulierbar.

wbh: Was bedeuten für dich Freiheit, Schutz der Menschenwürde und Gleichberechtigung?

Ich habe es eingangs, als ich von mir erzählt habe, ja schon geschrieben. Im Grunde sind diese Werte mein Motor. Ich möchte in einer Gesellschaft leben, die diese Werte garantiert, und da wir hier in Deutschland an diesem Punkt auch Nachbesserungsbedarf haben, setze ich mich aktiv dafür ein. Der Liedermacher Reinhard Mey singt in einem Lied: „Freiheit nutzt sich ab, wenn du sie nicht nutzt.“ So ist es. Man muss natürlich immer wieder neu verhandeln, was das eine oder andere bedeutet. Wie es definiert wird. Das ändert sich in Gesellschaften ja auch. Also: dranbleiben!

wbh: Wie wichtig sind Kunst und Kultur, Bildung, Medienkompetenz, Soziales, Jugendhäuser und psychologische Betreuung für unser Zusammenleben?

Dazu habe ich jetzt schon einiges gesagt. Für mich ist es unverständlich, dass ausgerechnet an diesen Punkten so oft der Rotstift angesetzt wird, wenn es um die Haushaltsverteilung geht. Gerade jetzt, wo auch Erwachsene an vielen Stellen unsicher sind, selbst Angst haben, ist es wichtig, Kinder und Erwachsene zu stärken. Das passiert eben nicht von selbst in einer Welt, die sich so rasant verändert. Da braucht man Leitplanken.

wbh: Im Hinblick auf die Landtagswahl im Sep 2019: Was kann jeder Bürgerin aktiv tun, um dem Rechtsruck mit demokratischen Mitteln entgegenzuwirken?

Ich glaube, dass man den größten Einfluss im engen Kreis der Verwandten und Bekannten hat. Dort bei Diskussionen nicht einzuknicken oder zu schweigen, sondern Haltung zu zeigen, ist wichtig. Das ist anstrengend, aber wirksam. Politisch zu sein, demokratische Parteien nicht nur durch die Wahl, sondern vielleicht auch durch eine Mitgliedschaft zu unterstützen, ist auch ein Weg. Undemokratische Kräfte wird es wohl immer geben. Die Frage ist, wie viele ihnen gegenüberstehen.

wbh: Was sind deines Erachtens in Sachsen und Brandenburg die Gründe für den Aufstieg der AfD bei der Europa- und Kommunalwahl?

Man liest ja immer von den „Abgehängten“. Da ist etwas dran – zumindest in den ländlichen Regionen und in einigen Kleinstädten ist viel verlorengegangen: Kulturangebote, Ärzte, Jugendeinrichtungen etc. Dazu kommt, dass es auch in der DDR Rassismus gab. Die Angst vor dem „Fremden“ und vor Veränderungen ist kein neues Phänomen. Dann die Wende, die vielen gebrochenen Biografien – da liegt einfach noch so viel Frust und Wut –, da konnte die AfD mit ihren einfachen Parolen schnell punkten. Die Menschen haben Angst vor der Zukunft, vor all dem, was heute ungewiss ist. Viele erkennen den Wert von Demokratie nicht, sondern sehen eher, dass sie das eigene Leben irgendwie einschränkt. Für sie gilt die Gleichung: Demokratie=Politik=„die da oben“= schlecht. Diese Stimmungslage nutzt die AfD geschickt aus.

wbh: Angenommen, die AfD zieht in Sachsen zur Landtagswahl mit den gleichen Ergebnissen wie nach der Europa- und Kommunalwahl in den Sächsischen Landtag ein, welche Auswirkungen kann das für die Gesellschaft, Politik, Kunst und Kultur, Bildung und Soziales haben?

Das steht ja in ihrem Programm, was dann folgt. Im Grunde wollen sie das Rad zurückdrehen und viele demokratische Errungenschaften wieder abschaffen. Für mich ist das die Horrorversion. Gleichschaltung, Einschränkung der Freiheit, Diktatur, Kultur nur das, was der AfD passt, Abschaffung der freien Kunst- und Kulturszene.

wbh: Wie kann man Demokratie-Initiativen und Protagonistinnen vor Ort aktiv unterstützen und ihr Engagement stärken?

Durch Aktionen wie diese. Durch Lieder, wie das aktuelle von Sebastian Krumbiegel. Durch Aktionen und Projekte, die den Wert von Demokratie aufzeigen und deutlich machen. Durch Gegenproteste, wenn PEGIDA oder andere undemokratische Vereinigungen marschieren. Durch „Gesicht zeigen“. Durch Haltung in den sozialen Medien. Durch Spenden und immer wieder dadurch, dass man Mut macht und zeigt, dass wir zusammenstehen.

wbh: Wie kann man Nichtwählerinnen erreichen, damit sie wählen gehen?

Vermutlich auch nur, indem man in seinem eigenen engeren Kreis mit den Menschen redet. Ich glaube nicht, dass man das durch Zeitungsartikel oder Reden „von der Kanzel“ erreicht. Wir müssen uns gegenseitig davon überzeugen, dass Demokratie und damit auch das Wahlrecht Errungenschaften sind, die nicht vom Himmel gefallen sind, sondern für die andere ihr Leben gelassen haben. Dass es ein Privileg ist, wählen zu dürfen. Ich erinnere mich gut an die Zeit in der DDR, als man obligatorisch sein Kreuzchen gemacht hat, aber im Grunde genau wusste, dass das bedeutungslos ist. Heute haben wir eine Stimme, können Richtungen bestimmen, Gesellschaften gestalten. Ich denke, dass das Argumente sind, mit denen man überzeugen kann.

wbh: Wie kann man Menschen, die sich benachteiligt und abgehängt fühlen, bspw. Menschen, die nach dem Mauerfall viel verloren haben, Angst um ihre Existenz und vor Überfremdung haben, erreichen und in die Gesellschaft zurückholen?

Das ist eine schwierige Aufgabe. Und die Aufarbeitung dieser Zeit kommt meines Erachtens zu spät. Ich glaube nicht, dass man diese Generation, die wirklich viel verloren hat, noch erreicht. Ich weiß das aus meinem eigenen Familienkreis. Da herrscht so viel Verbitterung, da ist so viel verloren – das kann man nicht zurückgeben oder mit schönen Worten kitten. Da braucht es fast den berühmten Kniefall – aber wer sollte den machen? Dazu kommt, dass so ein Prozess, also das Verzeihen und „aus der Opferrolle heraustreten“ von denen ausgehen muss, die es betrifft. Es muss der Wille da sein, neu anzufangen und die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Leider haben sich viele im Opfermodus eingerichtet und sich damit identifiziert. Das ist keine Wertung – ich wüsste auch nicht, wie es mir ergehen würde, wenn ich in dieser Situation wäre. Ich will nur sagen, dass es dafür sicher keinen Schalter gibt, den man einfach drehen kann. Da spielen psychologische Muster mit hinein, die man eigentlich therapeutisch bearbeiten müsste. Aber wie ich schon sagte: Da muss auch der Wille vorhanden sein, sich mit diesen Tatsachen auseinanderzusetzen und den Schmerz zuzulassen, der hinter der Wut sitzt und der wirklich berechtigt ist.

wbh: Warum haben deines Erachtens Menschen Angst vor „dem bösen schwarzen Mann“, vor Migrantinnen und Muslimen?

Die Angst vor dem Fremden sitzt tief in uns. Ich habe als Kind noch das Spiel „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ gespielt. Diese Angst wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Wie bei allen Ängsten hilft Konfrontation – also die Begegnung. Je weniger die Möglichkeit vorhanden ist, sich zu begegnen, desto größer die Angst. Wir sehen das daran, dass der Fremdenhass in Gegenden, wo kaum Migrant*innen leben, deutlich ausgeprägter ist, als in Städten wie Berlin. Dazu kommt, dass die Geflüchteten den Menschen hier auch einen Spiegel vorhalten. Sie hatten den Mut, ein neues Leben zu beginnen, alles aufzugeben, sich auf den Weg zu machen. Das steht natürlich im krassen Gegensatz zu dem hier vorherrschenden Gefühl, dass man nichts ändern kann, dass sowieso alles von oben bestimmt wird, dass das Leben schon vorbei ist und die Chancen verpasst sind. Da wird der eigene Frust auf jene projiziert, die unfreiwillig das getan haben, was man vielleicht selbst immer tun wollte: aufbrechen und von vorn beginnen.

wbh: Meinst du, viele Menschen fühlen sich von Politikerinnen nicht entsprechend ihrer Meinung vertreten und abgeholt? Herrscht eine große Kluft zwischen Politikerinnen und Bürgerinnen?

Auf jeden Fall. Das ist für mich auch eine Achillesferse der Demokratie, denn in dem Moment, da ich einem anderen sozusagen die Vollmacht übertrage, mein Leben (im übertragenen Sinne) zu regeln, besteht natürlich auch sofort die Gefahr, dass ich ihn für alles verantwortlich mache, was schief läuft. Gleichzeitig kann ich mich selbst natürlich ausruhen und sagen, dass der ja dafür bezahlt wird, alles zu regeln. Darum ist es so essentiell, die Menschen in Prozesse einzubinden. Ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass sie mitgestalten können. Wenn Gesetze „durchgepeitscht“ werden und das gegen eine breite Mehrheit in der Bevölkerung, dann hinterlässt das Frust. Da gibt es auch in Deutschland Nachbesserungsbedarf. Demokratie ist eben auch nichts, auf dem man sich ausruhen kann.

wbh: In den sozialen Medien war zu lesen, dass man weniger auf die „Bedürfnisse“ der besorgten und Wutbürgerinnen eingehen soll, sondern eher auf die unserer Jugend. Wie siehst du das?

Ja, das ist auf jeden Fall so. Besonders wenn es um Entscheidungen in Sachen Klima geht. Selbst meine Generation wird kaum noch erleben, was 2050 ist. Wir wissen aber bereits seit Jahren, dass sich die Verhältnisse auf dieser Welt bis dahin rasant ändern werden, wenn wir jetzt nicht handeln. Wir können die Zeit nicht zurückdrehen, so wie sich das einige wünschen. Ich bin jedenfalls sehr dankbar dafür, dass die Jugend wieder politischer ist, als das viele in meiner Generation sind oder waren.

wbh: Wie wichtig sind Zivilgesellschaft und Zivilcourage?

Sie sind die Basis für eine gelingende Demokratie. Ohne die Zivilgesellschaft oder Zivilcourage landen wir in der Diktatur. Sie sind das Korrektiv und der Motor gleichzeitig. Wir sehen das jetzt, wenn es um die Seenotrettung geht. Die Politik trifft Entscheidungen, die gegen Würde, Menschlichkeit, Humanität und auch gegen eigene Gesetze verstoßen. Die Zivilgesellschaft wehrt sich dagegen: mit Demonstrationen, Aktionen und privaten Seenotrettern. Sie macht auf Missstände aufmerksam und die Demokratie gibt ihnen den Rahmen dafür. Es ist immer wieder ein Austarieren der Kräfte. Das macht Demokratie manchmal langsam, aber es ist unverzichtbar.

wbh: Wie können wir unsere Demokratie schützen und stärken?

Indem wir uns immer wieder bewusst machen, wie wir leben wollen. Für mich reicht ein Blick nach China, in die Türkei oder in meine eigene DDR-Vergangenheit, um zu wissen, dass ich nie mehr in einem Land leben möchte, in dem eine Diktatur herrscht. So argumentiere ich auch, wenn es zu Gesprächen über die Situation in unserem Land kommt. Ich weiß, dass es viele Menschen gibt, denen es nichts ausmacht, von oben regiert zu werden. Die es sogar schätzen, wenn alles vorgegeben ist, man einfach sein Leben innerhalb von geregelten und festgesurrten Bahnen leben kann, ohne sich Gedanken machen zu müssen. Das ist aber eine Mentalität, die mir persönlich fremd ist, weil schon ein Schritt in eine andere Richtung bedeuten würde, dass man sich strafbar macht. Das finde ich absurd und ich werde auch nicht müde, das so zu sagen. Wer Freiheit will – und für Freiheit haben wir 1989 gekämpft –, der muss sich auch einbringen, muss sich für sie stark machen. Und ich komme immer wieder darauf zurück, dass wir das in unserem persönlichen Umfeld tun müssen. Und wer die Möglichkeit hat, den Rahmen größer zu stecken, weil er oder sie prominent ist, der sollte das tun. Ich will nicht, dass eine für mich durch und durch undemokratische Partei noch mehr Land gewinnt. Also sage ich das und unterstütze oder initiiere Projekte, die das ebenfalls nicht wollen.

Was verbindest du mit: Wir sind mehr!

Ich verbinde damit das Gefühl, von einer Idee getragen zu sein, die größer ist als ich. Die viele Menschen umfasst. Ich weiß, dass wir, also die demokratischen Kräfte, in der Mehrheit sind. Ich weiß aber auch, dass das fragil ist. Das hat die Geschichte gezeigt. Also verbinde ich mit dem Satz auch, dass wir uns dessen immer wieder vergewissern müssen – sei es durch Aktionen, Demonstrationen oder durch Kommunikation in den Sozialen Netzwerken.

wbh: Was bedeutet für dich: Wir bleiben hier!

Ich verbinde damit, dass wir den undemokratischen Kräften nicht weichen werden. Das bezieht sich nicht nur auf Brandenburg oder Sachsen, wo jetzt die Wahlen anstehen. Ich verbinde damit, dass wir nicht müde werden, die Lügen und Manipulationen aufzudecken, die von der AfD und ihren Anhängern verbreitet werden. Dass wir auch nicht müde werden, uns für Humanität, Demokratie und Freiheit einzusetzen.

INTERVIEW MIT ULRIKE GEISLER

wbh: Wo bist du aktiv, wofür engagierst du dich und trittst du ein?

Aktuell arbeite ich beim Institut B3 e.V. als Leiterin eines Modellprojektes, welches sich mit Gewaltphänomenen im urbanen Raum, speziell Leipzig, beschäftigt. Als Historikerin finde ich dabei die Wirkungsmacht von tradierten Narrativen unheimlich spannend, die ich mit diebischer Freude irritiere und hinterfrage. Ist wohl eine Art Berufskrankheit.
Mir ist bei all meinem Tun wichtig, unterschiedliche Sphären der Gesellschaft miteinander in Kontakt und in Austausch zu bringen. Dabei bin ich gemeinsam mit meinem Mann in verschiedenen Welten zu Hause, von tiefster Subkultur bis hin zu staatlichen Förderstellen. Ich liebe die Gegensätze und die Spannungen, die daraus hervorgehen können, wenn man diese Welten zusammenbringt. Aktuell organisieren wir zum Beispiel ein Festival zum DDR-Underground in Leipzig, das sich „Heldenstadt anders“ nennt.

wbh: Warum ist es wichtig, dass sich jede*r mit Politik beschäftigt und diese aktiv mitgestaltet und wie?

Ich finde, es gibt kein Patentrezept á la: Mache dies und mache das und dann herrscht Friede, Freude, Eierkuchen. Politik lebt von den Konflikten der unterschiedlichen Interessen. Gute Politik davon, dass alle Interessen gleiche Chancen haben, gehört zu werden. Und Spannungen auch mal ausgehalten und angeschaut werden.
Es ist daher sehr wichtig, dass nicht Populisten den öffentlichen Diskurs bestimmen, sondern gemäßigte Positionen genauso vertreten sind. Ansonsten übertreten wir schnell die Grenzen des Sag- und Denkbaren und unterhöhlen Stück für Stück die Regeln unseres Zusammenlebens. Daher finde ich es strategisch klug, dass wir nicht über jedes Stöckchen der Populisten springen, sondern ihnen mit Haltung begegnen. Zumal die schweigende(?) Mehrheit der sächsischen Bevölkerung Rassismus und Unwertigkeit gerade nicht vertritt. Es ist wichtig, dass diese Mehrheit laut wird, Raum einnimmt und Grenzen aufzeigt. Hier ist jeder Einzelne gefragt und wichtig. Oft entstehen daraus kreative und beeindruckende Lösungen.
Für mich persönlich heißt Aktivwerden in erster Linie, dass ich selbst vor meiner eigenen Haustür schaue: Wo kann ich – persönlich – etwas verändern? Wenn ich die Hände in den Schoß lege und dabei anderen erkläre, was sie zu tun und zu lassen haben, würde ich mich unglaubwürdig fühlen.

wbh: Was wünschst du dir für ein besseres menschliches Miteinander?

Es wäre sicher viel gewonnen, wenn wir als Bürger*innen empathisch miteinander umgehen. Die meisten Konflikte eskalieren nicht aus Bösartigkeit, sondern aus Fahrlässigkeit und Gleichgültigkeit. Ich wünsche mir hauptsächlich gegenseitigen Respekt und Toleranz für die menschlichen Unzulänglichkeiten und Ambivalenzen. Und eine klare Kante, wenn unsere demokratischen Prinzipien angegriffen und unterhöhlt werden.

wbh: Im Hinblick auf die Landtagswahl im Sep 2019: Was kann jede*r Bürger*in aktiv tun, um dem Rechtsruck mit demokratischen Mitteln entgegenzuwirken?

Ich bin mir gar nicht sicher, ob wir in der sächsischen Gesellschaft wirklich einen Rechtsruck erleben. Die Einstellung in den Köpfen, dieser typisch sächsische Konservatismus und die – Verzeiht mir den Ausdruck! – Obrigkeitshörigkeit, gibt es doch nicht erst seit fünf Jahren. Als ehemals bunthaarige Jugendliche, die vor gut zwanzig Jahren ihre Jugend in Dresden verbracht hat, weiß ich, wovon ich rede. Im öffentlichen Diskurs sind sie nur zunehmend sichtbar geworden, weil unsere Debatten sich polarisieren. Das ist ein langwieriger Prozess. PEGIDA und Co haben dazu geführt, dass die Leute heute unverhohlener sagen, was sie früher eher still dachten. Die Leute, die früher am Stammtisch vor zehn Leuten ihre Parolen grölten, fühlen sich nun sicher und vermeintlich im Oberwasser. Das lässt sie lauter schreien und sie bekommen viel Aufmerksamkeit. Und dann gibt es noch die Menschen, die diese Entwicklung für ihre Zwecke instrumentalisieren. Ich glaube, es hilft nur, wenn wir als Bürger*innen zu einer Haltung finden, mit der wir Populisten und Schreihälsen begegnen können. Wenn ich mir klar darin bin, wo meine Grenze ist, wofür ich stehe, dann haut mich auch so ein dreister Schreihals (m/w/d) nicht so schnell aus der Bahn.
Ich sehe zwei unterschiedliche Ebenen: In den politischen Debatten würde ich mir wirklich mehr Souveränität und weniger Panik von Seiten der etablierten Parteien wünschen. Es kann doch nicht sein, dass demokratische Parteien den Populisten teilweise zum Munde reden, in der Hoffnung, damit ein paar Stimmen abzugraben!
In den gesellschaftlichen Debatten wünsche ich mir mehr Visionen, mehr positiven Input: Wie wollen wir leben? In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? An dieser Stelle können Kunst und Kultur einen wichtigen Beitrag leisten. Und ich sehe Institutionen wie beispielsweise die Kirchen in der Pflicht, ihre Stimme mutig zu erheben und ihren Einfluss gerade in konservative Kreise geltend zu machen und nötige Debatten zu führen.

wbh: Warum haben deines Erachtens Menschen Angst vor „dem bösen schwarzen Mann“, vor Migrant*innen und Muslimen?

Es gibt dazu viele Theorien und schlüssige Erklärungen. Natürlich ist es wichtig, das zu analysieren. Und noch wichtiger finde ich die Frage: Wie gehen wir damit um?

wbh: Wie können wir unsere Demokratie schützen und stärken?

Demokratie ist nicht einfach ein Staat oder ein Zustand. Demokratie ist eine facettenreiche Methode, Konflikte zu lösen und gemeinsame Regeln zu finden. Demokratie ist ein langwieriger Prozess. Demokratie müssen wir alle aktiv machen: Hinschauen, Haltung entwickeln und Konflikte aushalten und aushandeln. Für unsere Rechte eintreten und für diese auch gegebenenfalls „kämpfen“.

wbh: Was bedeutet für dich: Wir bleiben hier!

Der Slogan passt für mich gefühlt nicht so richtig, weil darin die unausgesprochene Frage steht, ob ich gehen möchte. Ich bin in Sachsen geboren. Ich lebe hier. Und ich sehe nicht ein, auch nur einen Fußbreit an Rechtspopulist*innen, Rassist*innen und Dummköpfe abzugeben. Gott sei Dank bin ich dabei nicht alleine! Ich lerne jeden Tag viele nette, große, kleine, kluge, manchmal anstrengende Menschen kennen, die sich jeder auf seine Weise dafür einsetzen, dass wir hier gut leben können.

INTERVIEW MIT HOLGER MANN

wbh: Magst du unseren Leser*innen kurz von deiner Arbeit und deinem Leben erzählen.

Ja, ich gebe da gern Einblicke und bitte nur um Verständnis, dass ich meine Familie vor zu viel Öffentlichkeit schütze.

wbh: Wo bist du aktiv, wofür engagierst du dich und trittst du ein?

Aktiv bin in als Vorsitzender der Sozialdemokrat*innen in Leipzig und derzeitig auch als Mitglied der SPD-Landtagsfraktion in Sachsen. Ich engagiere mich in mehreren Bildungs- und Bürgervereinen. Ersteres, weil ich davon überzeugt bin, dass Bildung ein Menschenrecht ist und diese für Chancengerechtigkeit unverzichtbar ist. In den Bürgervereinen Gohlis und Möckern-Wahren arbeite ich mit Menschen zusammen, die ihre Umgebung gemeinsam gestalten wollen und den Dialog suchen. Beides braucht es, damit der Leipziger Norden noch lebenswerter wird.
Weniger aktiv, aber aus tiefer Überzeugung unterstütze ich mit Mitgliedschaft und Beiträgen seit mehr als 20 Jahren u. a. die Gewerkschaft ver.di oder den Bund für Umwelt und Naturschutz.

wbh: Wie fühlt es sich an, in Sachsen Politik aktiv mitzugestalten?

Das kommt auf den Tag an und die Thematik. Nicht immer erreicht man so viel wie in den letzten vier Jahren bei Lehrer*innen, KiTas, Schulhausbau, Forschung oder Digitalem. Immer mehr Menschen haben eine latente Lust auf Anarchie und Schwarzmalerei. Ich habe aber gelernt, dass man mit der richtigen Mischung aus Entschlossenheit, Engagement und Kompromissbereitschaft viel bewegen kann, auch wenn man keine 50% hinter sich hat. Das gibt Kraft für mehr.

wbh: Warum ist es wichtig, dass sich jede*r mit Politik beschäftigt und diese aktiv mitgestaltet und wie?

Zunächst geht unser Gemeinwesen alle an und nur so kann jede*r mitgestalten. Ich höre öfter: Das entscheiden doch eh „die da oben“. Ich sage dann immer: Nur wenn ihr sie entscheiden lasst. Meist gehen genau die Menschen nicht zur Wahl, die Unterstützung des Staates am Nötigsten hätten. Dabei kann in unserer Republik jede*r über 18 wählen und gewählt werden oder auf andere Art und Weise selbst politisch aktiv werden.
Ich selbst habe mehrfach – auch schon vor dem Mandat – die Erfahrung gemacht, dass man als Einzelner Diskussionen anstoßen oder Mitstreiter*innen für neue Ideen begeistern kann.

wbh: Wie kann man die Themen Politik, Beschäftigung mit Demokratie und unseren Grundwerten stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit bringen?

Dialog und Debatte, Transparenz und Verlässlichkeit sind hier die Begriffe, die mir zuerst einfallen. Zudem ist die praktische Erfahrung bei einer Entscheidung mitgewirkt, einen Kompromiss vermittelt oder ein Verwaltungshandeln verändert zu haben, unersetzlich. Demokratie muss man erleben und gestalten können, nur so werden wir sie stärken.

wbh: Was ist unser Erbe, was ist unsere Zukunft?

Puh, sehr viel. In jedem Fall eine vielfältige Kultur und eine große, wenn auch nicht immer stolze Geschichte. Zudem ein Gemeinwesen das Chancen und Möglichkeiten bietet, sich zu verwirklichen, wie es sonst nur einem kleinen Teil der Menschheit auf der Welt möglich ist.

Wie die Zukunft wird, hängt davon ab, wie wir alle unsere Freiheiten nutzen. Ich arbeite dafür, dass wir sie zum Wohle der Gemeinschaft und in fairem Ausgleich einsetzen. Andere streiten für das Recht des Stärkeren. Die Zukunft ist also offen.

wbh: Was wünschst du dir für ein besseres menschliches Miteinander?

Das viele wieder lernen, sich gegenseitig zuzuhören und nach gemeinsamen Fortschritten suchen, anstatt sich nur in Selbstgewissheit zu ergehen.

wbh: Was bedeuten für dich Freiheit, Schutz der Menschenwürde und Gleichberechtigung?

Wie schon gesagt, sehr viel. Freiheit ist Verpflichtung und Chance zugleich. Menschenwürde beginnt mit Respekt vor der oder dem Anderen, mit Austausch auf Augenhöhe und hört bei der Durchsetzung von materiellen Rechten, wie dem Recht auf Bildung, Wohnen oder soziale Sicherheit, nicht auf.

Für Gleichberechtigung streiten wir stetig, am stärksten sicher für die zwischen den Geschlechtern und wollen hier zum Beispiel die Parität im Parlament durchsetzen.

wbh: Wie wichtig sind Kunst und Kultur, Bildung, Medienkompetenz, Soziales, Jugendhäuser und psychologische Betreuung für unser Zusammenleben?

Sehr, deshalb setze ich mich seit langem für Chancengerechtigkeit ein, versuche im entsprechenden Landtagsausschuss Menschen über gute Bildungs- und breite Kulturpolitik zu unterstützen. In Jugendhäusern und -verbänden habe ich selbst ein politisches Bewusstsein entwickelt, die ersten Erfahrungen mit Sub- und Soziokultur gesammelt und die Chance bekommen mich ehrenamtlich einzubringen. Das ist bzw. sollte heute nicht anders sein.

wbh: Im Hinblick auf die Landtagswahl im Sep 2019: Was kann jede*r Bürger*in aktiv tun, um dem Rechtsruck mit demokratischen Mitteln entgegenzuwirken? 

Zunächst am 1. September eine der zahlreichen sozial-orientierten Parteien wählen, gern auch mit anderen diskutieren und dafür werben. Als Kandidat im Leipziger Norden freue ich mich über jede Wahlkampfunterstützung, das dürfte anderen in Parteien nicht anders gehen. Daneben gibt es viele kleine und mit „unteilbar“ auch eine große Initiative, die dafür wirbt. Kurz: Augen auf, Po hoch, in Wahlprogramme lesen oder den Wahl-o-mat nutzen, in jedem Fall die eigene Stimme nutzen!

wbh: Was sind deines Erachtens in Sachsen und Brandenburg die Gründe für den Aufstieg der AfD bei der Europa- und Kommunalwahl?

Die Entsolidarisierung der Gesellschaft, das Werben um die Wähler*innen der NPD und DVU, der Wunsch vieler Menschen nach Veränderung, ohne zu reflektieren, was die AfD in Regierungsverantwortung für ihr Leben selbst bedeuten würde. Zu guter Letzt auch, dass die Demokratie noch zu wenig Unterstützung hat. Damit meine ich die noch kurze Erfahrung mit Parlamentarismus, die vergleichsweise schwachen Parteien, aber auch gesellschaftspolitisch tätige Vereine und Verbände.
Zu guter Letzt natürlich auch viele gefühlte und objektive Ungerechtigkeiten, für welche die AfD geschickt Sündenböcke aufbaut.
Meiner Meinung nach auch, dass zu viel über die AfD geredet und berichtet wird. Das steht in keinem Verhältnis zu ihrer Problemlösungskompetenz und ihrem teilweise erschreckend schwachem Personalangebot.

wbh: Angenommen, die AfD zieht in Sachsen zur Landtagswahl mit den gleichen Ergebnissen wie nach der Europa- und Kommunalwahl in den Sächsischen Landtag ein, welche Auswirkungen kann das für die Gesellschaft, Politik, Kunst und Kultur, Bildung und Soziales haben?

Für die Gesellschaft eine weitere Spaltung, für „die Politik“ – oder besser: die Parteien in – noch größere Schwierigkeiten, akzeptable Kompromisse zu vermitteln. Für die Kunst und Kultur, übrigens auch die Religionen und Medien, drohende Einschränkungen ihrer Freiheiten und Kürzung der öffentlichen Finanzierung, nicht zuletzt im sozialen Bereich. Wirtschafts- und gesellschaftspolitisch befördert die angebliche Alternative neoliberale Politik.

wbh: Wie kann man Demokratie-Initiativen und Protagonist*innen vor Ort aktiv unterstützen und ihr Engagement stärken?

Im Land fördern wir diese Initiativen maßgeblich über das Weltoffene Sachsen, aber auch durch zusätzliche Mittel für die Kulturräume und eine Stärkung der politischen Bildung nicht nur in der Schule. Ich und mit mir viele Sozialdemokrat*innen zeigen Gesicht, wo immer nötig und treten Ausgrenzung und Diskriminierung entgegen.

Zu guter Letzt hat gerade Gleichstellungs- und Integrationsministerin Petra Köpping viel dafür getan, dass Menschen, die für Menschlichkeit eintreten, Unterstützung, Beratung und Anerkennung erfahren.

wbh: Wie kann man Nichtwähler*innen erreichen, damit sie wählen gehen?

Reden und werben, aber auch daran erinnern, dass sie Ihre Stimme sonst entwerten. Ich sage immer, wenn du nicht mitbestimmst, dann entscheiden andere für dich. Diese kleine Verantwortung – sich aller paar Jahre zu entscheiden – kann und will ich niemanden abnehmen.

wbh: Wie kann man Menschen, die sich benachteiligt und abgehängt fühlen, bspw. Menschen, die nach dem Mauerfall viel verloren haben, Angst um ihre Existenz und vor Überfremdung haben, erreichen und in die Gesellschaft zurückholen?

Das ist nicht einfach, da Angst ein schlechter Ratgeber ist und häufig zu irrrationalen Entscheidungen führt. Ein Beispiel: Unsicherheit kann durch mehr Solidarität und einen Ausbau der Sicherungssysteme bekämpfen.
Tatsächlich gewinnen gerade aber Neid, Konkurrenzdenken und Ausgrenzung an Zuspruch. Das ist ein sich selbst verstärkender Effekt. Dass Migrant*innen in Deutschland seit Jahrzehnten zur Stabilisierung der Sozialsysteme beitragen und mehr in die Rente einzahlen, als sie herausbekommen, geht da schnell unter.

Ich habe deshalb die Erfahrung gemacht, dass wir Menschen vor allem im persönlichen Kontakt und am konkreten Problem und seiner Lösung erreichen.

wbh: Warum haben deines Erachtens Menschen Angst vor „dem bösen schwarzen Mann“, vor Migrant*innen und Muslimen?

Ein Teil ist Urinstinkt des Menschen, den er sich über tausende von Jahren in der Evolution angeeignet hat und der tief im Unterbewusstsein schlummert. Der hält mit der rasanten Veränderung der Welt nicht Schritt. Ein anderer Grund ist die geringe interkulturelle Erfahrung. Auch die DDR war, ob ihres Misstrauens vor fremden Einflüssen, weit weniger international, als ihre Propaganda vorgab, sondern selbst im inneren sehr diskriminierend. Beispiele dafür sind die Separation der Gastarbeiter*innen aber auch der russischen Soldaten.

Was die „neue“ Angst angeht, so fußt sie nur zu kleinem Teil auf eigener Erfahrung und zu einem viel Größeren auf medialer Vermittlung. Gerade hat eine Studie nachgewiesen, dass die AfD gezielt Vorurteile vor Minderheiten schürt, indem sie selektiv Kriminalitätsdelikte nach Herkunft verbreitet. So werden (Vor-)Urteile verstärkt und leider auch häufig die Chance unbelastet Erfahrungen zu sammeln, genommen.

wbh: Meinst du, viele Menschen fühlen sich von Politiker*innen nicht entsprechend ihrer Meinung vertreten und abgeholt? Herrscht eine große Kluft zwischen Politiker*innen und Bürger*innen?

Ja, das ist leider so, aber wiederspricht häufig der Realität. Noch nie in der Geschichte, konnte man gewählten politisch Verantwortlichen so nahekommen und sie so einfach erreichen. An meinem Beispiel: In zwei Büros in Leipzig biete ich den Dialog durch öffentliche Veranstaltungen und monatliche Bürger*innensprechstunden an. Neben Post, Telefon und Email kann man mich in drei sozialen Medien direkt erreichen. Davon machen nur vergleichsweise wenige Menschen Gebrauch. Ich klopfe auch regelmäßig an Haustüren, aber häufig wird dann offenbar: Immer mehr wollen keinen Kontakt, haben ihrerseits kein Interesse oder Vorbehalte. Aber viel mehr Dialogangebote können Politiker*innen kaum machen.

Ab und an höre ich auch: „Für mich macht ihr nichts!“. Das stimmt nicht, aber Politik ist kein Pizzadienst. Wenn die Erwartung ist, dass jeder individuelle Wunsch erfüllt wird, muss das scheitern. Schon die Wünsche der über 90.000 Menschen in meinem Wahlkreis sind teils sehr konträr, ganz zu schweigen davon, dass nicht wenige davon den Gesetzen widersprechen.

wbh: In den sozialen Medien war zu lesen, dass man weniger auf die „Bedürfnisse“ der besorgten und Wutbürger*innen eingehen soll, sondern eher auf die unserer Jugend. Wie siehst du das?

Mit Etiketten tue ich mich schwer und schon von meinem Selbstverständnis will ich niemanden ausgrenzen. Richtig ist aber, dass wir Mandatsträger*innen auf Kooperation und Dialog angewiesen sind und jede*r nur begrenzte Ressourcen hat und überlegen muss, wofür man sie einsetzt.
An meinem Kühlschrank hängt der treffende Spruch: Man bekommt die Welt nicht besser gemeckert.

wbh: Wie wichtig sind Zivilgesellschaft und Zivilcourage?

Unverzichtbar. Der Staat ist nur die Summe seiner Teile und es gilt das Diktum von Böckenförde: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“. Der beste Verfassungsschutz sind deshalb auch Bürger*innen die sich für ihren demokratischen Staat einsetzen und diesen gestalten.

wbh: Wie können wir unsere Demokratie schützen und stärken?

Mach was, warte nicht, bringe dich ein. Die Möglichkeiten sind riesig.

wbh: Was verbindest du mit: Wir sind mehr!

Ein Beispiel von gelebter Demokratie, das Werben von Kulturschaffenden für mehr Gemeinsinn auch eine notwendige Bestärkung und Selbstversicherung in unserer durch Digitalisierung zunehmend entpersonalisierten und teilweise auseinanderdriftenden Lebenswelt.

wbh: Was bedeutet für dich: Wir bleiben hier!

Ganz persönlich: Ich will die Geburtsstadt meiner drei Kinder nicht verlassen, noch dass andere Menschen Leipzig oder Sachsen verlassen, weil sie sonst physischer oder psychischer Gewalt ausgesetzt werden.
Dafür lohnt es sich zu kämpfen, jeden Tag.

Foto: Hammermännchen

INTERVIEW MIT JULIANE STREICH

wbh: Magst du unseren Leser*innen kurz von deiner Arbeit und deinem Leben erzählen.

Ich arbeite als freie Journalistin in Leipzig. Ich schreibe für diverse Zeitungen und Magazine, war zehn Jahre lang Redakteurin beim kreuzer und arbeite regelmäßig bei MDR Kultur in der Onlineredaktion. Mit dem ehemaligen Bürgermeister von Tröglitz, Markus Nierth, habe ich vor wenigen Jahren seine Geschichte in dem Buch „Brandgefährlich – warum das Schweigen der Mitte die Rechten stärkt“ geschrieben.

wbh: Wie fühlt es sich an, Politik aktiv mitzugestalten?

Bei Anti-Nazi-Demos: laut. Beim Betreuen von Flüchtlingskindern: lustig. Bei der ehrenamtlichen Arbeit bei Unicef: langsam. Bei der politischen Bildung von Schulkindern: anstrengend. Aber am Ende doch immer richtig und gut.

wbh: Was ist unser Erbe, was ist unsere Zukunft?

Unsere Zukunft wird warm. Unser Erbe ist die Klimakrise (von Wandel will ich da kaum noch sprechen). Sie wird das Leben auf der Welt massiv beeinflussen und tut es jetzt schon. In dem Zusammenhang ist es tatsächlich mal von Vorteil, in Sachsen zu leben, denn wir werden von den großen Katastrophen wohl erst einmal verschont bleiben und können vielleicht nur darüber jammern, dass wir bei 38 Grad arbeiten gehen müssen. Aber was in anderen Gegenden der Welt abgeht, dass Menschen ihre Häuser verlassen müssen, weil sie untergehen, dass andere nicht mehr genug Wasser haben, um sich und ihre Kinder zu ernähren, dass Unwetter und Naturkatastrophe gerade die Ärmsten am Härtesten treffen, viele von ihnen auch töten – das ist so schlimm, dass ich da nur noch radikales Umdenken als Lösung sehe. Klar, wir können aufhören, zu fliegen und Fleisch zu essen, und sollten das auch tun. Aber es braucht größere Lösungen, die Wirtschaft und Politiker*innen – gerade die der westlichen Welt, die zum größten Teil für die Misere verantwortlich ist – sofort umsetzen müssten. Nicht erst 2030.

wbh: Was wünschst du dir für ein besseres menschliches Miteinander?

Weniger Hass, mehr Liebe! Ist doch klar.

wbh: Wie wichtig sind Kunst und Kultur, Bildung, Medienkompetenz, Soziales, Jugendhäuser und psychologische Betreuung für unser Zusammenleben?

Sehr wichtig. Dass es in Leipzig verhältnismäßig viel Kulturangebote und engagierte Projekte gibt, finde ich besonders toll hier. Das erklärt auch, warum Leipzig nicht so ein großes Problem mit Rechtsradikalismus hat wie der Rest von Sachsen. Doch gerade in den kleine Städten und ländlichen Regionen fehlt es gerade an all dem. Deswegen sollten wir auch von hier aus versuchen, alternative und soziokulturelle Zentren wie das Dorf der Jugend in Grimma, das Treibhaus in Döbeln oder das Emil in Zittau besser zu unterstützen

wbh: Im Hinblick auf die Landtagswahl im Sep 2019: Was kann jede*r Bürger*in aktiv tun, um dem Rechtsruck mit demokratischen Mitteln entgegenzuwirken?

Wählen gehen. Demokratische und antifaschistische Projekte unterstützen – finanziell oder mit persönlichem Einsatz. Mit Menschen reden, die da anderer Meinung sind (Verwandte, Bekannte, Kolleg*innen, ehemalige Mitschüler*innen).

wbh: Was sind deines Erachtens in Sachsen und Brandenburg die Gründe für den Aufstieg der Rechtspopulisten bei der Europa- und Kommunalwahl?

In der Brandenburgischen Politik kenne ich mich nicht so gut aus. In Sachsen spielt die CDU, die seit der Wende an der Macht ist, eine Rolle. Sie hat den Rechtsextremismus seitdem immer klein geredet, rechte Überfälle als Einzelfälle deklariert und Vereine, die sich gegen Rechtsextremismus einsetzen, danach gefragt, ob sie überhaupt im demokratischen Sinne des Landes handeln. MP Kretschmer hat jetzt zumindest mal zugegeben, dass Sachsen da ein Rechtsextremismus-Problem hat. Aber er betont auch immer gleich, wie schlimm die Linken sind. Ein anderer wichtiger Grund ist fehlende politische Bildung. Und dass der Osten viel zu weiß ist. Die am lautesten von der Überfremdung, der Islamisierung und dem bösen schwarzen Mann schreien, haben ja nie jemanden mit Migrationshintergund gekannt.

wbh: Angenommen, Rechtspopulisten ziehen in Sachsen zur Landtagswahl mit den gleichen Ergebnissen wie nach der Europa- und Kommunalwahl in den Sächsischen Landtag ein, welche Auswirkungen kann das für die Gesellschaft, Politik, Kunst und Kultur, Bildung und Soziales haben?

Nur schlechte. Viele Einrichtungen werden um ihre Existenz zittern müssen, weil ihnen Fördergelder gestrichen werden sollen, das hat die AfD schon oft genug angekündigt, und einige in der CDU stimmen da ja gerne mal mit ein.

wbh: Wie kann man Demokratie-Initiativen und Protagonist*innen vor Ort aktiv unterstützen und ihr Engagement stärken?

Mit Geld – oder hingehen und mithelfen.

wbh: Warum haben deines Erachtens Menschen Angst vor „dem bösen schwarzen Mann“, vor Migrant*innen und Muslimen?

Unter anderem wegen der Medienberichterstattung – wenn ich zwei Wochen lang die Bild-Zeitung lesen würde, hätte ich auch große Angst. Und wegen Facebook, wo man sich seine Bubble voller eigener (oft falscher) Hysterie-Quellen zusammensuchen kann und in seiner Angst von all den anderen Besorgten bestätigt und angefeuert wird.

wbh: In den sozialen Medien war zu lesen, dass man weniger auf die „Bedürfnisse“ der besorgten und Wutbürger*innen eingehen soll, sondern eher auf die unserer Jugend. Wie siehst du das?

Ja, unbedingt. Auf die Bedürfnisse der besorgten Bürger wurde doch jetzt jahrelang eingegangen. Nicht nur in diversen Talkshows und Zeitungsartikeln. Auch politisch. Das meiste, was sie wollten, ist längst erreicht. Die Festung Europa hat ihre Grenzen so dicht gemacht, dass es nicht mal mehr erlaubt ist, Ertrinkende zu retten. Das muss man sich mal vorstellen. Und wenn private Seenotretter es trotzdem schaffen, einige zu retten, dann gibt es tagelange Verhandlungen darüber, welches Land 40 Leute aufnehmen kann. Es ist unfassbar. Und unfassbar traurig. Was höre ich denn, wenn ich den Wutbürgern zuhören? „Absaufen!“-Chöre.
Und wenn ich den Jungen zuhören, höre ich wissenschaftliche Argumente, warum die Welt so nicht weiter machen kann. Da werden zukunftsweisende Probleme zitiert, die das Leben so vieler Menschen bedrohen, dass die Flüchtlingszahlen der letzten Jahre ein Witz dagegen sind.

wbh: Was verbindest du mit: Wir sind mehr!

Chemnitz. Und die Hoffnung, dass alles gut werden wird, weil Campino mit Rod „Schrei nach Liebe“ gesungen hat, denn wer hätte je gedacht, dass die Hosen und die Ärzte mal zusammen ihre Lieder singen werden.

wbh: Was bedeutet für dich: Wir bleiben hier!

Für mich privat bedeutet das, dass ich nach über zehn Jahren immer noch nicht zurück nach Berlin gezogen bin, obwohl ich nur drei Monate bleiben wollte. Aber im großen und ganzen: Respekt an alle, die auf dem Land mehr oder weniger allein für Menschenrechte und gegen rechte Menschen kämpfen, beschimpft und bedroht werden und trotzdem bleiben.

INTERVIEW MIT ANGELA KLIER

wbh: Wo bist du aktiv, wofür engagierst du dich und trittst du ein?

Ich bin seit 2002 für Programme der Demokratieförderung, gegen Extremismus unterwegs. Und weil ich mich vorher schon gegen Diskriminierung und für Gleichbehandlung im Rahmen der Selbsthilfe und Behindertenhilfe eingesetzt habe, schwingen diese Themen immer mit.

wbh: Wie fühlt es sich an, Politik aktiv mitzugestalten?

Betrachte ich Politik als Regulierung der Angelegenheiten eines Gemeinwesens und verbinde damit jegliche Einflussnahme, Gestaltung und Durchsetzung von Forderungen und Zielen in privaten oder öffentlichen Bereichen, dann fühlt es sich gut an, gerade in der Gemeinwesenarbeit tätig zu sein. Betrachte ich die „große“ Politik, kann ich mitgestalten, indem ich vom Wahlrecht Gebrauch mache und mich schon mal einmische in öffentliche Diskurse. Aber ja, auch das fühlt sich gut an und ich möchte es nicht missen.

wbh: Warum ist es wichtig, dass sich jede*r mit Politik beschäftigt und diese aktiv mitgestaltet und wie?

Politisch ist der Alltag von uns allen, wir treffen täglich Entscheidungen, die Einfluss auf andere Menschen, Systeme und das Gemeinwesen haben. Ich glaube, das sich nur viele Menschen dieser Tatsache nicht bewusst sind, jedoch mit der bewussten Gestaltung ihres Alltages die Gesellschaft und damit auch Politik mitgestalten. Es ist zu kurz gedacht, Mitgestaltung und Mitbestimmung auf das Wahlrecht zu reduzieren oder auf die Beteiligung am öffentlichen Diskurs.
Was meines Erachtens fehlt, ist die Bewusstmachung der gestalterischen Möglichkeiten aller Menschen sowie ihre Würdigung.

wbh: Wie kann man die Themen Politik, Beschäftigung mit Demokratie und unseren Grundwerten stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit bringen?

Es geht nur sehr niedrigschwellig. Politische Bildung ist wichtig und ihre Angebote werden zu wenig angenommen. Deshalb und darüber streite ich auch gern, muss nicht überall politische Bildung drauf stehen, wo politische Bildung drin ist. Für viele Menschen ist Politik das, was „die da oben“ machen und Politik gilt nicht als bodenständig, eher abgehoben. Wir müssen die Themen, die Bedarfe der Menschen suchen und erkennen und dann mit ihnen in Diskurse gehen, die sie abholen und angenommen werden. Mein Beispiel: Internationaler Frauentag, öffentliche Einladung zu Kaffee und Kuchen, es gibt ein Blümchen oder etwas Gebasteltes, einen Kulturbeitrag (Musik, Tanz…) und es gibt ein politisches Thema mit Gästen. Was haben wir: Würdigung der Frauen an ihrem Ehrentag, Kultur, Spaß und Gespräche und politische Bildung. Das Thema 2019 war die Kommunalwahl bzw. Frauen in politischen Ämtern haben sich den Fragen der Teilnehmer-Innen gestellt.

wbh: Was ist unser Erbe, was ist unsere Zukunft?

Ich kann das so nicht beantworten. Ich möchte nicht verantwortlich sein für Fehler aus der Vergangenheit und genauso wenig, wie ich mich an positiven Geschehnissen in der Vergangenheit beteiligen konnte. Die Zukunft will ich gern mitgestalten, dafür gilt es unsere Grundrechte zu wahren und Menschenrechte zu schützen.

wbh: Was wünschst du dir für ein besseres menschliches Miteinander?

Vielfalt anerkennen und leben. Wenn wir das realisieren, kommen wir zu einer neuen Kommunikation, ohne Hass und Vorurteile. Miteinander reden ist ein Anfang, darauf folgt Verstehen. Für mich gilt der Grundsatz, jede Meinung anzuhören, ich muss sie nicht teilen.

wbh: Was bedeuten für dich Freiheit, Schutz der Menschenwürde und Gleichberechtigung?

Wie oben bereits beschrieben, sind das für mich die Grundpfeiler unserer Gesellschaft. In den vergangenen Jahren hat sich leider gezeigt, dass Teile unsere Mehrheitsgesellschaft diese Grundrechte in Anspruch nehmen, sie jedoch weder vor den Feinden der Demokratie entsprechend schützen noch Zugewanderten zur Verfügung stellen möchten. Beim Blick auf europäische Nachbarländer erscheinen mir diese Grundrechte nicht mehr als selbstverständlich, umso mehr schützenswert.

wbh: Wie wichtig sind Kunst und Kultur, Bildung, Medienkompetenz, Soziales, Jugendhäuser und psychologische Betreuung für unser Zusammenleben?

Ich diskutiere viel mit meinen Mitmenschen über die Themen Identität und Heimat. Im Erzgebirge aufgewachsen und noch immer fest verwurzelt, sind Traditionen, Kunst und Kultur sehr wichtig. Das hat Einfluss auf meine Identität. Ich interessiere mich außerdem ganz vielfältig für Kunst und Kultur, ich nutze Medien, bin sozial gut vernetzt und bilde mich weiter.
Wenn ich das für mich in Anspruch nehme, dann ist es mir auch wichtig, dass es für alle Menschen zur Verfügung steht und erst recht für die Jugend, unsere Zukunft.

wbh: Im Hinblick auf die Landtagswahl im Sep 2019: Was kann jede*r Bürger*in aktiv tun, um dem Rechtsruck mit demokratischen Mitteln entgegenzuwirken?

Zur Wahl gehen!

wbh: Was sind deines Erachtens in Sachsen und Brandenburg die Gründe für den Aufstieg der Rechtspopulisten bei der Europa- und Kommunalwahl?

Ich habe lediglich einen Einzug der Rechtspopulisten in Wahlämter verzeichnet. Die Personen mit ihren Ideen und deren Netzwerke kannte ich vorher schon und es war eine Frage der Zeit, bis sie soweit erstarkt sind. Für Analytiker ist der Blick zurück sicher gewinnbringend und sicher haben auch einige gute Ratschläge für kommende Wahlen vergeben.

wbh: Angenommen, Rechtspopulisten ziehen in Sachsen zur Landtagswahl mit den gleichen Ergebnissen wie nach der Europa- und Kommunalwahl in den Sächsischen Landtag ein, welche Auswirkungen kann das für die Gesellschaft, Politik, Kunst und Kultur, Bildung und Soziales haben?

Ich bin mir sicher, dass es zu einer absoluten Mehrheit nicht reichen wird, weil die Wähler*innen das verhindern. Auch in Sachsen geht alle Macht vom Volke aus und das wissen auch Rechtspopulisten.

wbh: Wie kann man Demokratie-Initiativen und Protagonist*innen vor Ort aktiv unterstützen und ihr Engagement stärken?

Wir haben das Problem von zwei Seiten unter Druck zu stehen. Die Menschen, die sich gegen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus positionieren und Haltung zeigen, werden natürlich aus der rechten Flanke befeuert. Das geht von Hass im Netz bis hin zu persönlichen Bedrohungen usw. Leider aber werden wir auch zur Zielscheibe von Medien, kommunalen Verantwortungsträgern und Mitmenschen. Bezeichnet als Linksextreme und Unruhestifter, nicht ernst genommen oder gar beschimpft, haben schon einige Aktive ihr Engagement eingestellt. Die Stellung in der Gesellschaft ist nicht nur wohlwollend. Wichtig ist, das Förderprogramme entfristet werden und die Akteur*innen nicht an bürokratischen Hürden verzweifeln. Eine niedrigschwellige und kontinuierliche Arbeit zur Stärkung demokratischer Strukturen und zur Veränderung von Einstellungen und Haltungen im Sinne unserer Wertegemeinschaft muss im Interesse aller liegen und von allen unterstützt werden. Hiervon profitiert auch die Wirtschaft, hält sich aber noch weitestgehend mit Unterstützung zurück.

wbh: Wie kann man Nichtwähler*innen erreichen, damit sie wählen gehen?

Bei ihren persönlichen Bedürfnissen abholen.

wbh: Wie kann man Menschen, die sich benachteiligt und abgehängt fühlen, bspw. Menschen, die nach dem Mauerfall viel verloren haben, Angst um ihre Existenz und vor Überfremdung haben, erreichen und in die Gesellschaft zurückholen?

Wir müssen ihnen zuhören und ihnen den Raum für Gespräche bieten. Dabei darf es keine Ausgrenzung im Voraus geben, Menschen wollen sich eingeladen fühlen. Ich habe seit Oktober 2018 eine Redezeit. Alle dürfen kommen, egal welches Problem, ob es überhaupt ein solches gibt oder sie nur reden wollen. Es braucht Zeit, dass die Menschen es annehmen und es kommt auch zu unschönen Gesprächen, aber wir reden miteinander.

wbh: Warum haben deines Erachtens Menschen Angst vor „dem bösen schwarzen Mann“, vor Migrant*innen und Muslimen?

Märchen aus Kindertagen, Medienberichte, Filme usw. Außerdem wird heutzutage Angst bewusst geschürt. Medien sind daran nicht ganz unschuldig.

wbh: Meinst du, viele Menschen fühlen sich von Politiker*innen nicht entsprechend ihrer Meinung vertreten und abgeholt? Herrscht eine große Kluft zwischen Politiker*innen und Bürger*innen?

Die Kluft ist da. „Die da oben“ gelten als abgehoben und als Alleinherrscher*innen. Unser Ministerpräsident scheint mir gerade auf einem guten Weg, er wird ihn nur nicht allein beschreiten können. Früher nannte man das wohl „volksnah“, was wohl nicht ganz stimmt, denn das Volk wählt seine Vertreter*innen aus seiner Mitte.

wbh: In den sozialen Medien war zu lesen, dass man weniger auf die „Bedürfnisse“ der besorgten und Wutbürger*innen eingehen soll, sondern eher auf die unserer Jugend. Wie siehst du das?

Die Bedürfnisse aller Bürger*innen sollten im Fokus stehen und Kompromisse sind auszuhandeln. Es finden nur noch wenige Aushandlungsprozesse statt, Entscheidungen werden von Wenigen getroffen.

wbh: Wie wichtig sind Zivilgesellschaft und Zivilcourage?

Kindern sollte Zivilcourage frühzeitig gelehrt werden. Eine starke Gemeinschaft hält auch zusammen und unterstützt die Schwachen. Grundsätze, die ich noch gelernt habe. Es gibt Begrifflichkeiten in unserem Sprachgebrauch, die sind nicht niedrigschwellig genug, sie sind nicht direkt genug und werden immer mehr vernachlässigt. Zivilgesellschaft ist ein solcher Begriff. Die Menschen identifizieren sich nicht damit. Ähnliches bemerke ich bei den Begriffen Bürgerinnen und Bürger. Unser Sprachgebrauch ist entscheidend dafür, ob wir gehört werden. Aber ja, die Gesellschaft, die Gemeinschaft, sie ist wichtig und wir alle müssen für ihren Zusammenhalt einstehen.

wbh: Wie können wir unsere Demokratie schützen und stärken?

Durch unsere eigene Haltung und Einstellung, die wir täglich und in allen Situationen vertreten.

wbh: Was verbindest du mit: Wir sind mehr!

Ich persönlich halte nichts davon. Wer ist WIR und wer sind die ANDEREN? Diese Betrachtungsweise grenzt aus.

wbh: Was bedeutet für dich: Wir bleiben hier!

Das bedeutet, Menschen haben ihre Heimat und ihre Identität gefunden und lassen sich nicht von anderen Ideen und/oder Menschen vertreiben. Sie haben feste Wurzeln und Standpunkte. Es bedeutet, wir gehen hier nicht weg und wir schützen unsere Demokratie.