INTERVIEW MIT OLE PLISCHKE

wbh: Magst du unseren Leser*innen kurz von deiner Arbeit und deinem Leben erzählen.
 
Ja: Ich, auffälliger Schüler, öfter im System angeeckt. Hab mir gedacht, solche Kinder und Jugendlichen brauchen geeignetes Personal, das deren Ideen versteht. Also bin ich Sozialpädagoge geworden. Hab dann in einem Jugendtreff angefangen und durfte Dank Schwangerschaften innerhalb von fünf Monaten die Projektleitung übernehmen. Naja, kaltes Nass halt. Passt schon. Und jetzt arbeite ich seit drei Jahren als Projektleiter mit Kindern und Jugendlichen zwischen acht und 22 Jahren.

wbh: Wo bist du aktiv, wofür engagierst du dich und trittst du ein?
 
In Freital bin ich aktiv und engagiere mich für alternative Freizeitgestaltung, Demokratieförderung und den Abbau von Vorurteilen.

wbh: Was ist existenziell und notwendig für deine und eure Arbeit?

Fähiges Personal, das nicht durch spartaktische Maßnahmen eingeschränkt wird, denn die sozialen Probleme lösen sich nicht, wenn es kein Geld dafür gibt. Sie stehen dann quasi nur im Stau und werden mehr.

wbh: Woran mangelt es?
 
An Fachkräften und der Bereitschaft, diese gut zu bezahlen.

wbh: Im Idealzustand: Was wünschst du dir für bessere Grund- und Rahmenbedingungen für deine und eure Arbeit?
 
Mehr Anerkennung in der Politik & Gesellschaft und mehr Fachkräfte.

wbh: Was sind deine Wünsche an die Politiker*innen?
 
Soziale Arbeit muss ernst genommen werden. In einem so reichen Land wie Deutschland muss nicht über marode Straßen gesprochen werden, sondern über Einsparungen im Sozialsystem, die dazu führen, dass rechte Gruppierungen den Raum der sozialen Arbeit auf dem Land entdecken. (Siehe Brandenburg, siehe Sächsische Schweiz Ost Erzgebirge, siehe Wahlergebnisse in Ostdeutschland)

wbh: Was sind deine Wünsche an die Bürger*innen in deiner Stadt?

Macht einfach mit, bringt euch ein und gestaltet somit euren Stadtteil und euer Leben.

wbh: Wie kann man Demokratie-Initiativen und Protagonist*innen vor Ort aktiv unterstützen und ihr Engagement stärken?
 
Unterstützen und gemeinsam Projekte planen, deren Ideen von den Teilnehmern getragen und von dem Lebensumfeld respektiert werden.

wbh: Warum ist es wichtig, dass sich jede*r mit Politik beschäftigt und diese aktiv mitgestaltet und wie?
 
Weil WIR nun mal alle miteinander leben müssen und jeder das Recht darauf hat und man deshalb Werte und Normen festlegen muss und diese politisch vertreten werden sollen.
Und damit wir in Ostdeutschland nicht ewig Blau bleiben, sondern der soziale Gedanke wieder mehr ERNSTHAFT getragen wird.

wbh: Wie kann man die Themen Politik, Beschäftigung mit Demokratie und unseren Grundwerten stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit bringen?

Auf vielen verschiedenen Ebenen muss Politik attraktiver gestaltet werden. Schon im Kindergarten kann echte Partizipation gelebt werden. Das geht weiter über die Schulen, Vereine und Jugendfreizeitangebote.
 

wbh: Was ist unser Erbe, was ist unsere Zukunft? 
 
Unser Erbe ist der unbedachte Zwang zu konsumieren, ohne zu hinterfragen. Was dabei rauskommt, wölbt sich gerade langsam an die Oberfläche. Gruselig!

wbh: Was wünschst du dir für ein besseres menschliches Miteinander?
 
Weniger Wachstum und mehr Gemeinschaftsverständnis.

wbh: Was bedeuten für dich Freiheit, Schutz der Menschenwürde und Gleichberechtigung?
 
Das bedeutet für mich, dass wir lernen müssen, miteinander zu leben und jeder seine Freiheiten ausleben kann und soll, solange sie niemandem anderen Schaden, weder Mensch noch Natur.

wbh: Wie wichtig sind Kunst und Kultur, Bildung, Medienkompetenz, Soziales, Jugendhäuser und psychologische Betreuung für unser Zusammenleben?

Sehr sehr WICHTIG! Kunst und Kultur sind Aspekte, die schon immer zum Umdenken bewegt oder dazu angestoßen haben. Die hinterfragt haben, und das auch auf schmerzliche Art und Weise dürfen und sollen.
Jugendhäuser sind für mich kleine Kächer, die versuchen einen kleinen Teil der Gesellschaft, dem es nicht so gut geht und der oft nicht richtig weiß, warum er auf dieser Welt ist und was sein Ziel ist, aufzufangen. Den Menschen Sicherheit geben, da Lehrer dazu nicht in den Lage sind. Sie haben einfach nicht die nötigen Ressourcen und viel zu große Klassen, um neben ihrem Bildungsauftrag noch zusätzlich die Probleme der Jgdl. aufzufangen.

wbh: Im Hinblick auf die Landtagswahl im Sep 2019: Was kann jeder Bürgerin aktiv tun, um dem Rechtsruck mit demokratischen Mitteln entgegenzuwirken? 
 
Wählen gehen und gegen Rechts wählen. Die Frage ist allerdings, ob das auch alle wollen. Vielen Menschen ist, glaub ich, nicht bewusst, was es bedeutet, zurück in einen Nationalstaat zu gehen. Vielen ist nicht klar, dass sich GLOBALE Probleme, die uns alle betreffen, auch nur global lösen lassen. Wenn wir uns einigeln, gehen wir früher oder später einfach unter, ohne gekäpft zu haben.

wbh: Was sind deines Erachtens in Sachsen und Brandenburg die Gründe für den Sieg der AfD bei der Europa- und Kommunalwahl?
 
Es sind meist Menschen, zumindest die ich kenne, die sich ungerecht behandelt fühlen. Die nicht mehr sehen, was sie alles besitzen, und den einen Kapitalismus leben, wo nur immer mehr besser ist und Abgeben schlecht ist. Außerdem wurde in Sachsen in den 90er Jahren alles an sozialen Angeboten auf dem Land gestrichen. Früher hatte fast jedes Dorf einen Jugendclub, heute muss man nach der Nadel im Heuhaufen suchen und auf ehrenamtliches Engagement hoffen, dass die Strapazen der Bürokratie übersteht, und dann auch noch einen Jugendclub am Laufen hält. In meiner Jugend haben sich dann an den freigewordenen Plätzen REP- & NPD-Funktionäre eingeniestet und Veranstaltungen und Konzerte für Jugendliche gegeben. Das Problem ist also in meinen Augen selbst verursacht, da immer nur auf kurze Zeit gedacht wird und selten weit voraus.

wbh: Angenommen, die AfD zieht in Sachsen zur Landtagswahl mit den gleichen Ergebnissen wie nach der Europa- und Kommunalwahl in den Sächsischen Landtag ein, welche Auswirkungen kann das für die Gesellschaft, Politik, Kunst und Kultur, Bildung und Soziales haben?

Wieso angenommen? Ich glaube (leider), es wird so werden, weil ja auch nach der Europawahl sich keiner einer Schuld bewusst ist und sich untereinander der Schwarze Peter hin und her geschoben wird. Mobilisiert wird auf jedenfall nicht. Ich befürchte Schlimmes für den sozialen und kulturellen Bereich. Vor allem befürchte ich, dass die Vielfalt an Projekten und Vereinen eingestampft werden kann. Ich hoffe nur, dass die Gesetzte vor einer solchen Zensur schützen.

wbh: Wie kann man Nichtwähler*innen erreichen, damit sie wählen gehen?
 
Mit viel Energie und dem richtigen Zugang, wie z. B. Workshops, in denen man klärt, warum Demokratie eigentlich wichtig ist. Problem dabei ist dann meist nur das Argument: Es ändert sich eh nichts. Leider trifft das auch oft zu (bspw. Klimapolitik).

wbh: Wie kann man Menschen, die sich benachteiligt und abgehängt fühlen, bspw. Menschen, die nach dem Mauerfall viel verloren haben, Angst um ihre Existenz und vor Überfremdung haben, erreichen und in die Gesellschaft zurückholen?

Indem man die Ängste nimmt und Begegnung schafft.

wbh: Warum haben deines Erachtens Menschen Angst vor „dem bösen schwarzen Mann“, vor Migrant*innen und Muslimen?
 
Der böse schwarze Mann war für mich der „Mumuumu“ und nicht unbedingt schwarz von der Hautfarbe her, aber schwarz und düster gekleidet. Er hat die Kinder weggefangen, hieß es immer. Allerdings wurde er bei vielen Menschen als Angstbild verwendet, um bei Kindern etwas durchzusetzen!

wbh: Meinst du, viele Menschen fühlen sich von Politikerinnen nicht entsprechend ihrer Meinung vertreten und abgeholt? Herrscht eine große Kluft zwischen Politikerinnen und Bürger*innen?
 
Es fühlt sich so an – nur ein paar Beispiele: Dobrinth, Scheuer, Mortler, Klöckner. Dort habe ich das Gefühl, dass nicht Argumente zählen, sondern wirtschaftliches Interesse. Und das ist nicht gut für eine Demokratie, wenn die Welt etwas anderes braucht.

wbh: In den sozialen Medien war zu lesen, dass man weniger auf die „Bedürfnisse“ der besorgten und Wutbürger*innen eingehen soll, sondern eher auf die unserer Jugend. Wie siehst du das?

Ich denke, dass man bis zu einem gewissen Punkt auch auf Wutbürger eingehen muss. Wenn sich dort jedoch eine Ablehnungswand aufmacht, dann sollte man seine Ressourcen eher bei Menschen einsetzen, die offen sind für Argumente und Neues.
Unsere Jugend sollte generell mehr in den Vordergrund rücken, denn das sind die Menschen, die hier länger leben als ich und somit mit dem, was ich anrichte, leben müssen.

wbh: Wie wichtig sind Zivilgesellschaft und Zivilcourage?
 
Sehr wichtig. Doch für viele inzwischen ein Fremdwort!

wbh: Wie können wir unsere Demokratie schützen und stärken?
 
Wir können Partizipation und Demokratieverständnis einfach leben.

wbh: Was verbindest du mit: Wir sind mehr!

Schlechte Musik, viele Menschen und eine tolle Message. Ich hoffe, dass solche Konzerte öfter passieren, da ich glaube, dass auch dies den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördert.

wbh: Was bedeutet für dich: Wir bleiben hier!
 
Dass ich es mir gemütlich mache, weil mir dieses Fleckchen Erde gefällt. Oder jemand beim Wandern K.O. ist.

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