INTERVIEW MIT JEAN-PHILIPPE OBST

wbh: Magst du unseren Leser*innen kurz von deiner Arbeit und deinem Leben erzählen.

Ich bin ein 40 Jahre alt, verheiratet und dreifacher Familienvater. Bis auf die vielen Jahre bei der Bundeswehr, habe ich mein gesamtes Leben in und um Leipzig verbracht. Ich wurde hier geboren, ich möchte hier leben und irgendwann werde ich hier wahrscheinlich auch sterben. Leipzig war und ist meine Heimat.
Was den Beruf angeht, so war (und bin es noch) ich die meiste Zeit meines Lebens Staatsdiener. Früher beim Bund, jetzt beim Freistaat Sachsen.

wbh: Wo bist du aktiv, wofür engagierst du dich und trittst du ein?

Aktiv bin ich fast ausschließlich auf FB, auch wenn meine Aktivitäten dort in den letzten Monaten (leider) sehr viel weniger wurden. Grundsätzlich versuche ich – und das schon seit Beginn der „Flüchtlingskrise“ –, in allen möglichen Kommentarspalten gegen Verallgemeinerungen, Hass und Hetze anzugehen. Ich bin der Meinung, dass gerade die Verallgemeinerung von „Straftäter = Ausländer, also Ausländer = Straftäter“ ein hässlicher Nährboden für die menschenverachtende Einstellung ist, von der manche Teile der Gesellschaft befallen sind. Nach meiner Meinung sind wir alle zuerst Menschen, doch das wird oft und, wie es scheint, von immer mehr Menschen vergessen. Hier versuche ich meinen Beitrag zu leisten, um dieses „Menschsein“ immer wieder ins Bewusstsein zu rücken.

wbh: Warum ist es wichtig, dass sich jede*r mit Politik beschäftigt und diese aktiv mitgestaltet und wie?

Ich glaube, nur wer sich informiert und beteiligt, hat ein Recht darauf sachlich mitzureden, oder darf sich hinterher über Dinge aufregen, die schief liefen. Mich nerven diese Menschen, für die alles in Deutschland pauschal „Scheiße“ ist, die dann aber verneinen, wenn man sie fragt, ob sie denn gewählt oder sich überhaupt zum Thema informiert haben. Niemand muss sich mit allen Themen beschäftigen, aber mit den großen Themen, wie sie aktuell diskutiert werden, mit denen sollte man sich schon beschäftigt haben. Nur wer sich (sinnvoll) informiert, der kann verstehen, wie die Dinge funktionieren und sich in die Debatte einbringen.

wbh: Wie kann man die Themen Politik, Beschäftigung mit Demokratie und unseren Grundwerten stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit bringen?

Ich glaube, hier ist zu allererst die Politik gefordert. Solange Politiker die Missachtung des Grundgesetzes vorleben, Menschen für ihr Anderssein oder für „abweichende“ Vorstellungen von Leben, Politik und Gesellschaft von den gewählten Volksvertretern herabgewürdigt oder ausgelacht werden, oder ganz allgemein Politik an der Realität der Bevölkerung vorbei gemacht wird, solange wird man kaum die breite Masse für Politik und alles, was dazu gehört, begeistern können. Wenn man wieder und wieder gezeigt bekommt, dass der Wille des Volkes nicht zählt, Stichwort Uploadfilter oder Fridays for Future, wirkt das eben demotivierend.
Es gibt Politiker, die aktiv unsere Werte vorleben, aber die findet man, zumindest nach meiner Erfahrung, nur auf der kommunalen Ebene und das reicht eben nicht aus.

wbh: Was wünschst du dir für ein besseres menschliches Miteinander?

Mehr Empathie und die Bereitschaft, sich die Position/Meinung seines Gegenübers vollständig anzuhören, zu überdenken und dann darüber zu sprechen.

wbh: Wie wichtig sind Kunst und Kultur, Bildung, Medienkompetenz, Soziales, Jugendhäuser und psychologische Betreuung für unser Zusammenleben?

Hier kann ich nur etwas zu Medienkompetenz und Bildung sagen. Letztere ist eigentlich enorm wichtig, um die doch sehr komplexen Themen verstehen und diskutieren zu können. Medienkompetenz ist wiederum wichtig, um „Fake-News“ u. ä. erkennen und Quellen beurteilen zu können. Ich finde, in beiden Bereichen haben viele Leute Defizite, was wahrscheinlich auch ein Stück weit den Erfolg der Rechten erklärt.

wbh: Im Hinblick auf die Landtagswahl im Sep 2019: Was kann jede*r Bürger*in aktiv tun, um dem Rechtsruck mit demokratischen Mitteln entgegenzuwirken?

Grundsätzlich wählen gehen und auf jeden Fall nicht Rechts wählen. Aber auch nicht jene Partei, die sich als in der Mitte verortet sieht, aber so sehr Rechts anbandelt, dass diese Partei sich eigentlich weder als Volkspartei, noch als christlich bezeichnen dürfte.

wbh: Was sind deines Erachtens in Sachsen und Brandenburg die Gründe für den Aufstieg der AfD bei der Europa- und Kommunalwahl?

Ich glaube, viele „Ossis“ fühlen sich noch immer abgehängt, sehen sich als schlechter gestellt als den Rest der deutschen Bevölkerung. Dieses Gefühl, gepaart mit dem bereits erwähnten an den Bürgern vorbei Regieren unserer Politiker führt dann zu einer Politikverdrossenheit und einer Art Abkapselung vom Rest der Gesellschaft, hinein in eine Filterblase Gleichgesinnter, die es den Rechten leicht macht, mit vermeintlichen Lösungen und Schuldzuweisungen die Leute auf ihre Seite zu ziehen. Wenn dann noch mangelhafte Bildung, fehlende Medienkompetenz und fehlende Perspektiven dazu kommen, dann hat man einen Teil der Antwort darauf, warum die Rechten so erfolgreich sind.

wbh: Angenommen, die AfD zieht in Sachsen zur Landtagswahl mit den gleichen Ergebnissen wie nach der Europa- und Kommunalwahl in den Sächsischen Landtag ein, welche Auswirkungen kann das für die Gesellschaft, Politik, Kunst und Kultur, Bildung und Soziales haben?

Was Kunst und Kultur angeht, so hat die sächsische AfD ja in ihrem Positionspapier schon klar gemacht, wohin die Reise gehen soll. Gut, die haben mit dem Papier auch gleichzeitig wieder deutlich gezeigt, dass sie von Politik keine Ahnung haben. Dennoch zeigt es auch ebenso deutlich, wie sich die Gesellschaft nach Willen der AfD wandeln müsste.
Insgesamt werden die Auswirkungen sehr negativ sein. Sachsen hat so schon einen sehr schlechten Ruf, der würde mit einem Wahlsieg der AfD endgültig in den Keller sinken. Ich denke, die AfD wird gnadenlos versuchen, den Bürgern ihre krude Weltsicht aufzudrücken. Dinge, die gut und wichtig sind, wird die AfD angreifen und versuchen auszuschalten. Ich denke da an die gleichgeschlechtliche Ehe, Förderprogramme für „nicht-identitätsstiftende Zwecke“, so ziemlich alles, was mit Integration zu tun hat, und auch alles, was deren Vorstellung von Familie entgegenläuft. Hier kann man nur hoffen, dass die anderen Parteien geschlossen gegen derartige Pläne stehen, aber wenn ich an die Machtversessenheit einiger „Volksparteien“ denke und deren offenen Gedankenspielen, auch mit der AfD zusammen zu regieren, da will ich dann doch nicht mehr so recht an eine so notwendige Einigkeit glauben.

wbh: Wie kann man Menschen, die sich benachteiligt und abgehängt fühlen, bspw. Menschen, die nach dem Mauerfall viel verloren haben, Angst um ihre Existenz und vor Überfremdung haben, erreichen und in die Gesellschaft zurückholen?

Wer nach dem Mauerfall viel verloren hat, sich noch heute deshalb abgehängt fühlt, Überfremdung fürchtet und ggf. auch nicht davor zurückschreckt, Gewalt und sei es „nur“ verbaler Art zu nutzen, um seine politische Meinung/Gesinnung zu vertreten, der ist für die Gesellschaft verloren. Solche Leute kann man nicht mehr zurückholen und ganz ehrlich: Solche Leute sollte man auch nicht mehr zurückholen.
Und auch bei jenen ohne Gewaltanwendung bin ich mir nicht sicher, ob die überhaupt in die Gesellschaft zurückwollen und zurückkehren sollten. In den Jahren seit Beginn der Flüchtlingskrise habe ich eines mitbekommen: Diese Leute wollen nicht verstehen, was Menschen über den Balkan oder das Mittelmeer treibt. Die wollen nicht begreifen, dass Straftäter durchaus Ausländer sein können, deshalb aber nicht automatisch alle Ausländer Straftäter sind. Diese Leute akzeptieren oft nur jene „Meinungen“, welche das eigene Weltbild bestätigen, alles andere wird abgelehnt. Auch solche Leute möchte ich eigentlich nicht in unserer Gesellschaft, aber letztlich gehört es zu einer freien Gesellschaft dazu, dass wir mit solchen Leuten in unserer Mitte leben müssen.

wbh: Warum haben deines Erachtens Menschen Angst vor „dem bösen schwarzen Mann“, vor Migrant*innen und Muslimen?

Ich glaube, das liegt einfach daran, dass der Mensch schon immer Angst bzw. Abneigung gegenüber Fremden verspürt hat. Und wenn man das von klein an so beigebracht und vorgelebt bekommt, dann prägt das eben. Kleines Beispiel: Ich selbst sehe mich als weltoffenen Menschen, dennoch habe ich Vorurteile gegenüber Zigeunern. Ich weiß ganz rational, dass das Unsinn ist, dennoch erwischen ich mich immer wieder dabei, Zigeuner oder Leute, die ich dafür halte, mit Skepsis zu betrachten. Und warum? Nur weil ich als Kind ganze oft mitbekam, wie meine Großmutter auf dem Dorf immer wieder und ganz aufgeregt mit den Nachbarn darüber sprach, dass Zigeuner unterwegs sind und man aufpassen muss, weil die immer klauen und sogar einbrechen. Dieses Verhalten ist dann wahrscheinlich auch der Grund, warum gerade in ländlichen Gegenden der Anteil an Fremdenfeindlichkeit so hoch ist.

wbh: Meinst du, viele Menschen fühlen sich von Politiker*innen nicht entsprechend ihrer Meinung vertreten und abgeholt? Herrscht eine große Kluft zwischen Politiker*innen und Bürger*innen?

Definitiv. Gerade die Union bzw. die GroKo haben in den letzten Monaten mehr als deutlich gezeigt, dass sie sich nicht für die Wünsche und Vorstellungen der Bürger interessieren. Da wird maximal so agiert, dass es Stimmen bringt und das war es dann auch schon. Wenn sich ein Friedrich Merz als zum Mittelstand gehörig sieht und kein Problem damit hat, als Lobbyist tätig zu sein, oder ein Horst Seehofer Gesetze möglichst kompliziert gestaltet, damit der Bürger nicht zu viel Widerstand leistet, dann zeigt das leider, dass „die da oben“ nicht mehr verstehen, was „die hier unten“ bewegt.

wbh: In den sozialen Medien war zu lesen, dass man weniger auf die „Bedürfnisse“ der besorgten und Wutbürger*innen eingehen soll, sondern eher auf die unserer Jugend. Wie siehst du das?

Naja, auf deren Bedürfnisse wird ja nicht wirklich eingegangen, ihn wird nur sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt. Was falsch ist, denn im Gegensatz zur Jugend sind die Wutbürger eben nur sehr wenige, sie schreien aber am lautesten. Ja, man muss geradezu auf die Jugend eingehen, aber leider glaube ich nicht, dass das auf absehbare Zeit geschehen wird. Unsere Gesellschaft überaltert und das wird eher schlimmer als besser und das wirkt sich leider auf die Politik aus, die wiederum mehr Politik für „die Alten“ machen wird als für „die Jungen“.

wbh: Wie wichtig sind Zivilgesellschaft und Zivilcourage?

Sehr wichtig. Allerdings fehlt mehr und mehr der staatliche Anteil. Würden z. B. Straftäter, welche durch couragierte Bürger gestoppt wurden, schnell und gerecht abgeurteilt werden, die Leute würden wahrscheinlich mehr Mut aufbringen, um bei Problemen einzugreifen. Wenn man aber ggf. schon gefühlt ewig warten muss, bis überhaupt die Polizei am Ort des Geschehens eintrifft, dann wird es für viele schwer, couragiert zu sein.

wbh: Wie können wir unsere Demokratie schützen und stärken?

Ich glaube, in der Theorie haben wir eine wehrhafte Demokratie, in der Praxis scheitert es aber zumeist am effizienten Einsatz der Mittel, die zur Abwehr von Gefahren vorhanden sind. Wir brauchen an den entscheidenden Stellen einfach mehr Personal, um schnell und richtig reagieren zu können.

wbh: Was bedeutet für dich: Wir bleiben hier!

Eigentlich nur meine persönliche Sturheit, dass ich meiner Heimat nicht den Rücken kehren möchte. Auch wenn ich es tun würde, würden die Dinge schlimmer werden. Wie ich an anderer Stelle schon sagte, so bin ich froh und gleichzeitig traurig, dass meine Kinder nicht meine Hautfarbe oder gar die meines Vaters geerbt haben. Ich bin also froh, dass sie nicht die Blicke abbekommen werden, die ich wegen meiner dunkleren Hautfarbe bekomme, und traurig, weil sich unsere Gesellschaft so gewandelt hat, dass ich froh sein muss, dass sie eben nicht aussehen wie ich. Hier bleiben heißt für mich, weiter diese Blicke auszuhalten, weiter mein Möglichstes zu tun, um die Verhältnisse wieder zum Besseren zu wenden, damit meine Kinder, so wie ich, in einer offenen, toleranten und großartigen Stadt aufwachsen und von ganzem Herzen „Mein Leipzig lob ich mir!“ sagen können.

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