INTERVIEW MIT SEBASTIAN BUSSE

wbh: Magst du unseren Leser*innen kurz von deiner Arbeit und deinem Leben erzählen.

Ich habe erst Mathematik und Informatik studiert, später dann Kunstpädagogik. Gearbeitet habe ich in der Zeit quer durch alle Branchen, in der Gastronomie, im Baugewerbe, für Anwälte, in der Kinderbetreuung, als Nachhilfelehrer, für SOS-Kinderdörfer und auch bei AGM durfte ich schon wertvolle Erfahrungen sammeln. Momentan versuche ich, ein Permakulturprojekt auf die Beine zu stellen und finanziere das mit zwei Jobs in den Leipziger Universitätskliniken.

wbh: Wo bist du aktiv, wofür engagierst du dich und trittst du ein?

Wirklich aktiv bin ich eigentlich nur in meinem direkten Umfeld, weniger im öffentlichen Raum. Am meisten beschäftigt mich dabei die Frage des guten Umgangs miteinander, speziell wie wir es schaffen können, uns ehrlich, offen und wertschätzend zu begegnen. Dazu gehört viel Selbstkritik, aber auch eine gewisse Achtsamkeit gegenüber verschiedenen Narrativen und Stigmata unserer Gesellschaft. Vor allem unsere Fehlerkultur macht es schwierig, schädliche Muster hinter uns zu lassen und uns Raum für persönlichen Wachstum zu geben. Auf Facebook kann man sehr gut beobachten, wie viele Beiträge eigentlich nur der Selbstwerterhöhung oder als Ventil für Gefühle dienen, aber auch im Alltag ist das nicht wirklich anders. Wer sich aber mit den eigenen Gefühlen und den dahinter stehenden Bedürfnissen nicht auseinandersetzen kann, ist sehr anfällig gegenüber Manipulationen. Eine kritische Haltung reicht in einer Zeit, in der man jede wirkliche Meinung, zumindest dem Anschein nach, mit Artikeln und Studien belegen kann, leider nicht aus.
Ich wünsche mir eine Zukunft, in der sich jeder Mensch frei entfalten und sein Glück finden kann, das heißt eine Zukunft ohne Krieg, ohne Unterdrückung und ohne existenzielle Abhängigkeiten.
Bis auf die Bereitschaft, alle gemeinsam daran zu arbeiten, haben wir eigentlich alles, was wir dafür bräuchten.

wbh: Wie fühlt es sich an, Politik aktiv mitzugestalten?

Es kann frustrierend sein, vor allem, wenn der eigene Idealismus an ganz banalen Mechanismen scheitert. Auch beängstigend, wenn man sieht, was heutzutage alles in politischen Programmen steht, wofür sich Leute einsetzen. Was mich besonders traurig stimmt, ist das mit dem starken Fokus auf neurechte Strömungen und der Angst vor einer von jenen stärker bestimmten Politik oft ausgeblendet wird, wo wir eigentlich im Moment stehen und die letzten Jahrzehnte gestanden haben. Umso schöner sind jene Momente, in denen man die Menschen trifft, denen man sich in seinen Zielen verbunden fühlt. Die Wahrnehmung dahingehend ist leider, wie an so vielen Stellen, stark zum Negativen hin verschoben. Das mag viele Gründe haben, zum einen sind diese Menschen in der Regel leiser, es gibt weit mehr Lobby für Hass und Zwiespalt als für Liebe und auch ist der Mensch an sich natürlich so ausgelegt, sich eher auf Probleme zu fokussieren. Da irgendwie einen Mittelweg zu finden, sich einerseits nicht von all dem Negativen kaputt machen zu lassen, sich aber auch nicht in seiner Heile-Welt-Wohlfühl-Bubble von der Realität zu entfernen, ist eine große Herausforderung.

wbh: Warum ist es wichtig, dass sich jede*r mit Politik beschäftigt und diese aktiv mitgestaltet und wie?

Ob du dich mit Politik beschäftigst oder nicht, die Politik beschäftigt sich in jedem Fall mit dir. Der Gang zur Wahlurne taugt dabei gerade einmal zur Verhinderung des größten Übels. Es sollten sich viel mehr Menschen selber aktiv in den verschiedenen Parteien engagieren und vor allem lauter und bestimmter an vielen Stellen sagen: So geht das nicht!
Die eigene Medienkompetenz ist da ein sehr zentrales Thema. Alles, was du hörst oder liest, ist einmal durch deinen Kopf und hat dabei seine Spuren hinterlassen, ob du willst oder nicht. Je vielseitiger dabei der Input, desto mehr erkennt man, wie stark gesellschaftlicher Konsens geformt wird und eben nicht von den klugen Köpfen unserer Zeit getragen wird. Ich weiß nicht, inwiefern das als Empfehlung für andere taugt, aber ich persönlich stöbere auch viel in rechten Netzwerken, bei Verschwörungstheoretikern oder in Veröffentlichungen des ICFI oder bei Al Jazeera. Dass dann ein Herr Maaßen das in meinen Augen konservativste, NATO-konformste Medium als „Westfernsehen“ betitelt ist unglaublich perfide.
Jeder muss seinen eigenen Weg finden, sich an der politischen Willensbildung zu beteiligen, aber raushalten sollte sich niemand. Wir brauchen breitere Bündnisse zwischen den Menschen, die den Blick nach vorne richten, denn darin sind uns autoritär gesinnte Menschen traditionell zwei Schritte voraus, was sicherlich auch daran liegt, dass progressive Kräfte immer stärker ausdifferenziert sind und viele verschiedene Ansätze haben.

wbh: Wie kann man die Themen Politik, Beschäftigung mit Demokratie und unseren Grundwerten stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit bringen?

Politische Themen sind teilweise mit starken Tabus behaftet, viele glauben noch daran, dass sie zum Beispiel im Smalltalk oder auf der Arbeit nichts zu suchen haben. Dabei ist unser Zusammenleben so ein zentrales Thema für jeden von uns, dass wir dem definitiv mehr Raum geben müssen. Wenn es dann doch mal Thema wird, sind die Diskussionen emotional viel zu überladen, wenig konstruktiv und voll von Vorwürfen in alle möglichen Richtungen. Wir reden gerne über unsere Werte, ohne uns unsere eigenen Ambivalenzen ins Bewusstsein zu holen. Darum halte ich es für wichtig, dass jeder bei sich selbst beginnt, sich regelmäßig hinterfragt, inwiefern das eigene Handeln mit diesen Werten vereinbar ist und den Mut und die Kraft aufbringt, sich selber zu ändern. Wie in der Erziehung bringen Worte nichts, wenn das eigene Beispiel im Gegensatz dazu steht. Sich selbst für andere auch mal zurücknehmen, offen mit den eigenen Fehlern umgehen, anderen Fehlern zugestehen und die Andersartigkeit der anderen als Bereicherung anstatt als Bedrohung zu erkennen sind wichtige Schritte auf dem Weg in eine bessere Zukunft.

wbh: Was ist unser Erbe, was ist unsere Zukunft?

Alles Leid, das sich die Menschen in den vergangen Jahrtausenden angetan haben, ist heute noch spürbar, hat viele Narben hinterlassen und viele Konflikte stehen heute noch im Raum. Dennoch glaube ich fest daran, dass vor uns eine rosige Zukunft liegt. Die einzige Frage, die sich meiner Meinung nach stellt, ist, ob es noch hundert oder tausend Jahre dauert, wie viele schreckliche Kriege wir noch führen müssen, bis wir es wirklich alle begriffen haben. Diese Gewissheit nehme ich zum einen aus Naturbeobachtungen, denn hier sieht man, dass auf lange Sicht der Kooperationsgedanke weitaus stärker ist als jedes Konkurrenzprinzip. Zum anderen sehe ich, dass sich immer mehr Menschen mit Themen wie zum Beispiel Achtsamkeit beschäftigen. Informationelle Grenzen verschwinden zusehends, wenn in Hong Kong, Mali oder im Sudan die Menschen auf die Straße gehen, kann man heutzutage recht genau verfolgen, was da passiert. Es wird von Jahr zu Jahr deutlicher: Wir sind alle Menschen und gleichen uns, bei aller Individualität, am Ende doch so sehr in unseren Bedürfnissen, Ängsten und Hoffnungen, dass wir ein gemeinsames Projekt Menschheit angehen können. Da kann man jeden fragen, der mal auf der ISS stationiert war, nicht nur die Menschen sind eins, auch die Erde und die Natur sind ein Teil von uns und verdienen unsere Empathie und unseren Respekt, unsere Rücksichtnahme und unser Wohlwollen.

wbh: Was wünschst du dir für ein besseres menschliches Miteinander?

Gewalt nicht nur im physischen Sinne zu begreifen, sondern auch unsere Sprache und die von uns geschaffenen Strukturen dahingehend zu prüfen, ist nicht nur für diejenigen ein Gewinn, die wir durch unser Erkennen davon frei machen können. Es ist vor allem die eigene Lebensqualität, die wir durch einen achtsameren Umgang mit anderen Menschen in Höhen heben, die wir uns vorher nicht vorstellen konnten. Zu erkennen, was Liebe ist, wo sie ist und wie wir sie für uns alle erfahrbar machen, würde alle anderen Probleme dieser Welt lösen, davon bin ich fest überzeugt.

wbh: Was bedeuten für dich Freiheit, Schutz der Menschenwürde und Gleichberechtigung?

Wirklich frei sind wir nur, wenn wir die Konsequenzen unseres Handelns verstehen und akzeptieren können. Die einzige Freiheit, die uns keiner nehmen kann, ist die Freiheit der inneren Haltung, zugleich ist dies auch die wichtigste. Diese Haltung zu kultivieren und wirklich aus sich selbst heraus Standpunkte zu beziehen, anstatt sich von anderen Instrumentalisieren zu lassen, ist gleichzeitig Voraussetzung für den würdevollen Umgang miteinander und wer stark ist in dieser Haltung, den kann niemand in seiner Würde berauben.
Was Gleichberechtigung bedeutet, erkennt man nur dort, wo sie fehlt. Für die eigenen Privilegien ist man in der Regel nicht sensibilisiert und viele schustern sich nur allzu gerne ein Weltbild zurecht, in dem sie ihre Leistungen und Errungenschaften, sprachlich ja schon sehr bezeichnend, ausschließlich ihren eigenen Kompetenzen zu verdanken haben. Ich will diesen Menschen natürlich nicht aberkennen, dass sie selbst vielleicht auch viel dafür getan haben und kann es den meisten, denen es besser geht als mir, auch durchaus gönnen. Unser gemeinsamer Blick sollte sich zu allererst auf die „Schwächsten“ und jenen, denen es am Schlechtesten geht, richten, und dazu gehören wohl die wenigsten von uns.

wbh: Wie wichtig sind Kunst und Kultur, Bildung, Medienkompetenz, Soziales, Jugendhäuser und psychologische Betreuung für unser Zusammenleben?

Ich beginne mal mit der Medienkompetenz, darauf bin ich ja bereits ein wenig eingegangen. Wer sagt was mit welchen Zielen, und vor allem: Welche Vokabeln werden benutzt. Was wird nicht gesagt, wen lässt man zu Wort kommen, wen nicht. Passen die Bilder zum Text, welcher Deutungsrahmen wird aufgespannt. Sehr sehr sehr sehr wichtig, sich damit auseinanderzusetzen. Und gruselig.
Bildung ist ein unheimlich schwieriges Thema, denn auch hier ist der sich bilden Wollende immer auch Objekt fremder Interessen. Die wichtigsten Themen, für die sich meiner Meinung nach jeder Mensch interessieren sollte und die auch eine direkte Auswirkung auf die Lebensqualität und die Qualität des menschlichen Miteinanders haben, liegen im psychologischen, emotionalen und kommunikativen Bereich. Leider muss man sagen, dass die allermeisten Menschen dahingehend kaum verständiger sind als Kinder. Jeder reife, gebildete Mensch sollte in der Lage sein, andere Menschen psychologisch zu unterstützen, das ist für mich so elementar wie Lesen und Schreiben. Natürlich gibt es Situationen, für die ein Profi die bessere Wahl ist, aber viele Ansätze und Techniken sind nicht schwer und für jeden nachvollziehbar. Kunst ist dabei so vielfältig und oftmals viel besser geeignet, sich zu ergründen, zu finden und auszudrücken als unsere Sprache. Das gilt natürlich auch im Negativen, denn wie alles andere auch ist die Kunst instrumentalisierbar und ein Mittel der Macht, das schließt den Kreis zur Medienkompetenz.

wbh: Im Hinblick auf die Landtagswahlen im Sep und Okt 2019: Was kann jede*r Bürger*in aktiv tun, um dem Rechtsruck mit demokratischen Mitteln entgegenzuwirken?

Bei dem Zuspruch, den die AfD bei den Wahlen zum Europaparlament geerntet hat, kennt wahrscheinlich jeder mindestens einen AfD-Wähler. Da persönlich in Kontakt zu treten und zu schauen, inwiefern man etwas bewirken kann, ist ein guter Anfang. Veranstaltungen besuchen, unangenehme Fragen stellen, die Partei als das opportunistische und korrupte Gebilde entlarven, das sie ist. Traut sich nicht jeder und bedarf auch einer gewissen Expertise, aber es ist wichtig, in die Bubble zu gehen, falsche Aussagen und enge Perspektiven nicht unkommentiert zu lassen. Und jeden aktivieren, der sich dem Urnengang bis jetzt verweigert hat.

wbh: Was sind deines Erachtens in Sachsen und Brandenburg die Gründe für den Aufstieg der AfD bei der Europa- und Kommunalwahl?

Der Moslem als Feindbild hat Hochkonjunktur, daneben ist eine völlig verzerrte Selbstwahrnehmung unseres aufgeklärten, fortschrittlichen Abendlandes natürlich sehr schmeichelhaft. Noam Chomsky hat mal sehr spannende Worte zur Soziologie fallen lassen. Er sagte sinngemäß, direkte Zusammenhänge sind etwas höchst Seltenes in den Sozialwissenschaften, aber das Verhältnis von Wahlkampfausgaben zu Wählerstimmen ist streng linear. Vielleicht sollte man mal bei den Geldgebern nachfragen, was die sich so dabei denken. Gleichzeitig ist die Geschichte, die die AfD erzählt, eine sehr verlockende: Die anderen sind Schuld, egal ob Klima, Kriminalität oder Korruption, du musst dich nicht ändern, wir räumen den Laden für dich auf und dir geht es weiterhin gut. Dass die meisten Ängste dabei eher produziert als wirklich echt sind, nehmen viele Menschen nicht wahr.

wbh: Angenommen, Rechtspopulisten ziehen zur Landtagswahl in Sachsen, Brandenburg und Thüringen mit den gleichen Ergebnissen wie nach der Europa- und Kommunalwahl in den Landtag ein, welche Auswirkungen kann das für die Gesellschaft, Politik, Kunst und Kultur, Bildung und Soziales haben?

Das kann man sich schwer vorstellen und hängt sehr stark von den besetzten Posten ab. Ich wage da keine Prognose, bin aber heilfroh, nicht von Fördergeldern abhängig zu sein.

wbh: Wie kann man Demokratie-Initiativen und Protagonist*innen vor Ort aktiv unterstützen und ihr Engagement stärken?

Die wenigen Sozialarbeiter, mit denen ich über dieses Thema spreche konnte, haben es durchweg als Kampf gegen Windmühlen empfunden. Linke Gegenkultur findet sich fast nur in den Städten, den richtigen Zeitpunkt für ein verstärktes Engagement haben wir wahrscheinlich schon verpasst. Wir können dankbar sein für jeden, der sich in diesen Regionen trotz aller Widerstände gegen Rassismus einsetzt. Wer kann, sollte sich mit einbringen, am besten man erfragt bei den jeweiligen Initiativen, welche Unterstützung sie selber für geeignet halten. Und wer nicht kann, sollte sich noch einmal fragen, ob er nicht doch irgendwie kann. Am Ende geht es an vielen Stellen, wie so oft, um finanzielle Mittel. Da sehe ich vor allem unseren Freistaat aus recht augenscheinlichen Gründen des Selbstschutzes in der Pflicht.

wbh: Wie kann man Nichtwähler*innen erreichen, damit sie wählen gehen?

Ich glaube, viele Nichtwähler und Nichtwählerinnen hatten die Ansicht, mit ihrer Stimme nichts bewegen zu können. Mir fällt es leicht, jenen jetzt verständlich zu machen, dass es dieses Mal wirklich um etwas geht und jeder einen Unterschied macht.

wbh: Wie kann man Menschen, die sich benachteiligt und abgehängt fühlen, bspw. Menschen, die nach dem Mauerfall viel verloren haben, Angst um ihre Existenz und vor Überfremdung haben, erreichen und in die Gesellschaft zurückholen?

Diese Menschen stehen ja nicht außerhalb der Gesellschaft, sie waren immer und sind ein Teil von ihr. Die Existenzangst ist mehr als nur ein Gefühl. Wenn das BIP und die Armutsquote gleichzeitig steigen, läuft etwas gewaltig schief. Ich war selber neun Monate ohne Arbeit, vom Amt habe ich in der Zeit keinen Cent gesehen. So lange wir Reichtum subventionieren und Leistungsempfänger als asozial abstempeln, gibt es an der Stelle nichts schön zu reden.
Mit der Angst vor Überfremdung ist das schon schwieriger. Der Begriff an sich hat schon einen Orwellschen Beigeschmack und hat meines Erachtens im Wortschatz eines gebildeten Menschen nichts zu suchen, setzt er doch immer Volkskörperideologien voraus und wirkt stark agitatorisch. Dahinter steht gewissermaßen ein Mangel an alternativen Identitätskonzepten, da ist die Abgrenzung nach außen nur ein platter Versuch, eine Lücke zu füllen. Wenn man die Menschen dazu anregt, sich mit ihrer Identität, gerne auch mit ihrer Identität als Deutsche, zu beschäftigen wird schnell klar, dass sie gar nicht von anderen abhängig ist und erst recht nicht von anderen genommen werden kann. Wie sehr Zuwanderung Gesellschaften schon immer bereichert hat und das Abschottung immer in die Rückständigkeit führte, lässt sich an zahlreichen geschichtlichen Beispielen belegen, von unserer demographischen Abhängigkeit von Migranten mal ganz zu schweigen. Ob sich ein AfD-Wähler bei diesem Thema argumentativ überzeugen lässt, wage ich allerdings kaum zu hoffen. Den meisten fehlt es an persönlichen Erfahrungen und sie müssen auf die von den Medien abgebildete Realität zurückgreifen. So schafft ein Herr Seehofer in einem kurzen Interview ein gutes Dutzend mal „gewaltbereite Ausländer“ zu sagen. Auch so etwas hinterlässt Spuren.

wbh: Warum haben deines Erachtens Menschen Angst vor „dem bösen schwarzen Mann“, vor Migrant*innen und Muslimen?

Assoziationen kommen nicht von irgendwo her. So häufig wie Begriffe wie Ausländer oder Migranten mit negativ konnotierten Worten oder Gewalt beinhaltenden Bildern in Zusammenhang gesetzt werden, lässt die menschliche Psychologie kaum etwas anderes zu. Da ist es schön zu sehen, dass sich in Teilen der Gesellschaft um eine größere Sichtbarkeit all jener Menschen bemüht wird, die hier bei uns angekommen sind, sich hier wohl fühlen und einen konstruktiven gesellschaftlichen Beitrag leisten.

wbh: Meinst du, viele Menschen fühlen sich von Politiker*innen nicht entsprechend ihrer Meinung vertreten und abgeholt? Herrscht eine große Kluft zwischen Politiker*innen und Bürger*innen?

Definitiv. Und das hat zwei Gründe. Der erste ist, dass viele Menschen den Kompromisscharakter unserer Gesellschaft nicht wirklich verstehen oder die pragmatischen Aspekte, also was wirklich machbar und umsetzbar ist, häufig nicht gut analysieren und daher unrealistische Erwartungen haben. Der zweite Grund ist die nach oben immer höher werdende Dichte von Opportunisten, die authentischen Idealisten versauern meist auf Kommunalebene und schaffen es nicht in einflussreiche Positionen.

wbh: In den sozialen Medien war zu lesen, dass man weniger auf die „Bedürfnisse“ der besorgten und Wutbürger*innen eingehen soll, sondern eher auf die unserer Jugend. Wie siehst du das?

Meine Erfahrung hat mir leider gezeigt, dass ein Eingehen auf Erstere von jenen eher als Bestätigung ihrer Positionen aufgefasst wird und sie sich in ihren Standpunkten verhärten lässt. Mittlerweile bin ich da eher für klare Kante, da es zu oft nicht um Argumente geht und erst Recht nicht um echte Bedürfnisse. Die AfD wird ja auch zu weiten Teilen von Menschen gewählt, denen es eigentlich gut geht, sprich abbezahltes Haus, fünfzigtausend im Jahr und schon ordentlich Rentenpunkte gesammelt. Ich weiß nicht, welche Bedürfnisse da auf der Strecke geblieben sind, die Gegenstand von Politik sind. Die, denen es schlecht geht und die sich mit existenziellen Ängsten plagen, verdienen selbstverständlich eine Verbesserung ihrer Lebensumstände. Inwiefern mir diese Art der Argumentation gefällt weiß ich nicht. Als würde irgendwer sagen „Ne du, Jugend finde ich unwichtig“. Das geht dann doch eher am Thema vorbei und lenkt nur von der eigentlichen Problematik ab. Wenn man seine Ressourcen nicht dafür aufbringen möchte, sich mit der Wutbürgerproblematik auseinanderzusetzen, rächt sich das früher oder später. Dass diese Auseinandersetzung nicht über deren scheinbaren Bedürfnisse geschehen muss, ist eine andere Sache.

wbh: Wie wichtig sind Zivilgesellschaft und Zivilcourage?

Ja.

wbh: Wie können wir unsere Demokratie schützen und stärken?

Wir brauchen mehr aktive Demokraten, mehr Transparenz und Kontrolle in den parlamentarischen Gremien, in den Geheimdiensten und der Polizei. Das nur zwei Prozent aller Anzeigen wegen Polizeigewalt überhaupt zu einem Verfahren führen, während in fast hundert Prozent mit einer Gegenanzeige wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt zu rechnen ist, stärkt nicht gerade das Vertrauen in unsere Exekutive. Auch der Einsatz von Agent Provocateurs ist zutiefst undemokratisch und verwischt die öffentliche Wahrnehmung von politischen Aktivisten und Krawallmachern. Solche Aktionen schaffen ein Klima der Angst unter politisch aktiven Menschen und treibt sie weiter Richtung Rand. Je mehr Menschen das Vertrauen in unsere Polizei, unsere Demokratie und ihre eigene Teilhabe zurückgewinnen, desto breiter wird unser Bündnis gegen Hass und Gewalt. Da hätte ich gerne die Polizei mit im Boot, es gibt genug Gute da draußen, die wirklich für demokratische Werte und die Sicherheit ihrer Mitmenschen einstehen wollen. Dass das BfV rechte Strukturen subventioniert und die Bundeswehr lieber Whistleblower vor die Tür setzt als Rassisten, sind weitere Baustellen. Ganz allgemein haben unsere Skandale eine viel zu niedrige Halbwertszeit in der öffentlichen Wahrnehmung und ziehen kaum Konsequenzen nach sich, da muss die Zivilgesellschaft härter rangehen.

wbh: Was verbindest du mit: Wir sind mehr!

Das, was ich zu Zeiten von LEGIDA selber in Leipzig erleben durfte, nämlich wie viel mehr Menschen sich für eine offene, pluralistische Gesellschaft einsetzen als auf der Gegenseite stehen. Traurig hingegen war die nationale Berichterstattungen, die der kleineren Gruppe die größere Beitragszeit eingeräumt hat. Einmal sogar wurde die Gegendemonstration nicht erwähnt, dafür bebilderte der Beitrag die Demonstration von LEGIDA mit Aufnahmen der wesentlich größeren Gegendemo. Das hat mich sehr schockiert.

wbh: Was bedeutet für dich: Wir bleiben hier!

Dass wir dafür Sorge tragen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt und wir das nationalistische Deutschland hinter uns gelassen haben.

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